Worin Kent und Hahnemann voneinander abweichen

Worin Kent und Hahnemann voneinander abweichen

Author: 
David Little

Die Kleinste Gabe

James Kent war ein extrem erfahrener Homöopath, aber er machte ein paar fundamentale Fehler. Dies trifft für uns alle bedeutende oder weniger wichtige Sterbliche zu. Vielleicht liegt der Bereich, in dem er seinen größten Fehler beging, in seiner Ansicht über die Arzneimittelgabe. In der modernen Homöopathie gibt es den weitverbreiteten Glauben, dass es keinen Unterschied in der Wirkung eines homöopathischen Arzneimittels gibt, ganz gleich, ob man ein Globulus, einhundert Globuli oder auf diese Weise eintausend Globuli in beliebiger Dauer verabreicht.

Dieser Glaube stammt von James Kent und kann in seinen klassischen Vorlesungen in 'Zur Theorie der Homöopathie' in dem Kapitel 8 gefunden werden, das Die Elementarsubstanz (Anm. des Übersetzers: Seite 88, ISBN 3-7760-1493-8) betitelt ist. In diesem Werk erklärt Kent die Swedenborgsche Theorie, dass Energie auf einem vierten Zustand der Materie beruht, den man Elementarsubstanz nennt. Diese Idee kam im 18. Jahrhundert auf, als man von allen Energieformen annahm, dass sie eine sehr feine Substanz als Basis hätten. Diese Ansicht spiegelte sich auch in der newtonschen Theorie wieder, dass immer Atome für alle Formen der Energie verantwortlich seien.

Hahnemann war einer der ersten Visionäre, die die Existenz reiner Energien postulierten, die keine materielle Basis in Form irgendeiner Substanz hätten. Im § 9 des Organon heißt es: "Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autocratie) unumschränkt". Kent widersprach Hahnemanns Verwendung von Begriffen wie Lebenskraft, Lebensenergie oder Lebensprinzip, weil er fühlte, dass alle Energie eine sehr feine Substanz sein müsse. Kent empfand, dass was Hahnemann geschrieben hatte, irreführend sei, weil es wirklich kein solches Ding wie eine reine Energie gab. Siehe Kents Theorie der Homöopathie.

"Hätte er hier den Ausdruck „immaterielle Lebenssubstanz" gebraucht, so wäre dies das noch stärkere Wort gewesen, denn später werden wir sehen, dass es sich hierbei tatsächlich um eine Substanz handelt."

Kent konnte sich rein energetische Phänomene nicht vorstellen, weil er spürte, dass alle Kräfte auf einen subtilen Zustand von Materie beruhen müssen. Hahnemann setzte die dynamische Natur der Lebenskraft mit Naturphänomenen ähnlich des Elektromagnetismus gleich, als mit einer einfachen Substanz. Er war ein reiner Vitalist, der lehrte, dass die materielle Welt von strahlenden Energiequellen aufrechterhalten wird, nicht von feinen Formen von Materie oder beständigen Atomen. Jedoch für Kent war eine solche überhebliche Vision undenkbar, weil er spürte, dass alles eine stoffliche Basis besitzen müsse, selbst wenn sie von allerfeinster Natur ist. Siehe Kent.

"Seit Jahren diskutiert man schon über den Begriff Kraft als Kraft, ohne ihren Ursprung in Betracht zu ziehen. Man sieht sie einfach als Energie an, als formende Kraft. Aber der Begriff der Kraft ohne etwas, das ihr vorangeht, das vorher ist, ist eine für den menschlichen Geist gefährliche Konzeption. Soll der Mensch sich Energie als etwas Substanzielles vorstellen, gelingt ihm dies nicht leicht; er kann sich besser etwas Substanzielles vorstellen, das Energie besitzt."

Kent glaubte, dass ein "vierter Aggregatzustand" als Wegbereiter für alle Energieformen oder Kräfte wirke. Er konnte sich Materie nicht als verdichtete Energie vorstellen, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass eine Kraft aus "Nichts" entstehen konnte. Die Idee von einem beständigen Atom entstand vor langen Zeiten mit Demokrit und hielt sich, bis Einstein im frühen 20. Jahrhundert den Weg in Richtung Quantenphysik wies. Kent empfand, dass der Potenzierungsprozess ein homöopathisches Arzneimittel auf seine "Elementarsubstanz" reduziert, und dementsprechend ging das Mittel in den vierten Aggregatzustand über.

Swedenborg lehrte, dass es im vierten Zustand der Materie keine "Menge" der Elementarsubstanz gibt, aber "nur eine Eigenschaft in Graden der Feinheit". Deshalb glauben Kentsche Homöopathen, dass es keinen Unterschied zwischen einem oder tausend Globuli eines hochpotenzierten Mittels gibt. Kent dachte, dass die Feinheit in Graden der Elementarsubstanz auf die Potenz eines homöopathischen Mittels hinweist. Gleichzeitig fühlte er, dass die Elementarsubstanz keine "Menge" habe, daher macht die Anzahl der Globuli bei einer Arzneimittelgabe keinen Unterschied. Er schrieb auch, dass es keinen Unterschied mache, ob sie dieses Mittel in flüssiger Form oder als Globuli einnehmen. Kent empfand auch, dass es keinen Unterschied mache, ob sie einen Teelöffel voll oder ein ganzes Glas voll mit einer medizinischen Lösung verabreichen. Bei der Kentschen Homöopathie ist die Gabengröße ein statischer Faktor, während nur die Potenz dynamisch ist.

Die moderne Physik legt fest, dass sämtliche Energieformen in kleinen Energiepaketen, die man Quanten nennt, enthalten sind. Die Amplitude einer Kraft erhöht sich, wenn die Zahl der vorhandenen Energiequanten einer beliebigen angenommenen Wellenlänge zunimmt. Auf die gleiche Weise lehrte Hahnemann, dass jedes Globulus eines homöopathischen Mittels eine bestimmte Menge oder ein "Quant" medizinischer Energie enthalte. In gewissem Sinne repräsentiert die Potenz eines Arzneimittels die Wellenform oder die Frequenz der Energie und die Anzahl der Globuli repräsentiert die Amplitude oder Kraft des Signals. Deshalb steigt die Kraft einer homöopathischen Gabe jedes Mal an, wenn der Praktiker mehr Globuli bei der Arzneimittelzubereitung für die Einnahme verwendet. Natürlich ist das eine philosophische Interpretation und nicht die eines Physikers.

Viele moderne Homöopathen interpretieren die Gabengröße als synonym mit der Höhe der verwendeten Potenz. Sie glauben fälschlicherweise, dass die Verwendung der kleinsten Gabe sich auf die winzige Menge der Originalsubstanz bezieht, die sich in einem hochpotenzierten Arzneimittel befindet. Das ist nicht der Fall, da Hahnemann von dem Unterschied zwischen der Größe oder Menge einer Gabe und dem Potenzierungsfaktor in seinen Schriften spricht. Im Organon sagt er zu seinen Homöopathen, dass eine unmäßige Menge des richtigen Mittels gefährlich ist, besonders wenn sie in hoher Potenz verabreicht wird.

"Aus diesem Grunde SCHADET EINE ARZNEI, wenn sie dem Krankheitsfalle auch homöopathisch angemessen war, IN JEDER ALLZU GROSSEN GABE, UND DANN UM DESTO MEHR, je größer ihre Gabe war, und durch die Größe ihrer Gabe um so mehr, JE HOMÖOPATHISCHER UND IN JE HÖHERER POTENZ sie gewählt war, und weit mehr, als jede eben so große Gabe einer unhomöopathischen, für den Krankheitszustand in keiner Beziehung passenden (allopathischen) Arznei".

Hahnemann lehrte, dass das Phänomen der Verschlimmerung nicht nur mit der Potenz, sondern auch mit der Anzahl der verwendeten Globuli bei der Arzneimittelgabe in Verbindung steht. Daraus können wir ersehen, dass Hahnemanns Ansichten über die Energiemechanik ähnlich derer der Quantenphysik des 20. Jahrhunderts waren, welche Newtons Ideen kippten. In der Homöopathie ist die Verwendung der kleinsten Gabe eine sehr wichtige Regel, weil sie in der täglichen Praxis als Richtschnur bei der Patientenbehandlung dienen muss.

Wie man von diesem Paragrafen ersehen kann, stellt es für ein Kind, dass eine große Anzahl Globuli eines unhomöopathischen Mittels gegessen hat, nicht zwingend eine Gefahr dar. Andererseits wurden in solchen Fällen gelegentlich schon Symptome wahrgenommen. Die wirkliche Gefahr einer übermäßigen Gabe besteht dann, wenn das Mittel ganz genau homöopathisch und der Patient überempfindlich ist, er eine fortgeschrittene chronische Erkrankung durchmacht oder eine versteckte Gewebspathologie aufweist. Das ist für uns, die wir mit der medizinischen Auflösung und der Anpassung der Gabe arbeiten, keine theoretische Angelegenheit. Hier sind ein paar Beispiele, die zeigen sollen, dass die Art der Zubereitung in der Tat einen Unterschied in der Mittelwirkung auf die Lebenskraft ausmacht.

1. Eine sehr überempfindliche Dame, die ein C 6 Globulus trocken eingenommen hatte, erfuhr jedes Mal nach der Gabe, die Besserung und dann den Rückfall bringt, starke Verschlimmerungen. Sie dachte, sie wäre für die Homöopathie zu empfindlich und wollte schon aufgeben. Als die medizinische Lösung angewendet wurde, und sie einen Teelöffel voll einnahm, gab es keine Verschlimmerung durch das Mittel mehr und sie konnte das Mittel in angemessenen Intervallen wiederholen, bis sie geheilt war. Das ist ein Beispiel dafür, wie der Wechsel von der Trockengabe zur Arzneimittellösung und der Verschüttelung vor jedem Teelöffel voll die Verschlimmerung umwandelte und das Mittel bei einer Überempfindlichen wiederholbar machte, die sogar schon von einer Trockengabe Probleme bekam. Dieses Beispiel von einem Wechsel von der Trocken- zur Flüssiggabe zeigt, dass es einen Unterschied macht, auf welche Weise die Gabe und ihre Menge verabreicht wird.

2. Eine Homöopathin, die Carbo veg. C 200 trocken einnahm, reagierte darauf nicht. Das Mittel schien zu ihrem Fall zu passen. Ihr wurde dann gesagt, sie solle es nochmals mit einer medizinischen Auflösung versuchen. Die Gabe war ein Teelöffel voll. Ein paar Gaben der C 200, 5-mal  vor jeder Gabe verschüttelt, um die Potenz ein wenig zu verändern, heilten rasch. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Lösung dort heilt, wo die Trockengabe versagt hat. Wenn die Dosierung trocken oder flüssig keinen Unterschied machen würde, so wie Kent sagt, warum konnte dies funktionieren?

3. Eine Frau, die eine Gabe Cimicifuga LM 1 in einer Auflösung von 125 ml gegen ihre Migräne einnahm, bekam eine ähnliche Verschlimmerung. Nachdem die Wassermenge in der Lösung auf 250 ml erhöht wurde, gab es keine Verschlimmerung mehr, und sie konnte das Mittel einen Monat lang alle drei Tage wiederholen, und ihre Migräne kehrte nie wieder zurück. Sie bekam nie wieder eine Verschlimmerung. Das ist ein Beispiel dafür, wie man die Gabe durch die Verwendung einer größeren Wassermenge in der ursprünglichen Auflösung anpasst. Dies ließ das Mittel auf ihre Konstitution sanfter einwirken und machte es ohne Verschlimmerung wiederholbar.

4. Eine Person mit Schlafapnoe bekam Arsenicum album LM 1 in einer 170 ml-Auflösung, 3-mal vor der Einnahme verschüttelt, 1 Teelöffel voll wurde in 170 ml Wasser aufgelöst und ein Teelöffel daraus als Gabe verabreicht. Nach der Arzneimittelgabe gab es für drei Tage bei einigen Begleitsymptomen eine Verschlimmerung, dann folgte für eine kurze Weile eine leichte Besserung und dann folgte der Rückfall. Das Mittel wurde nochmals verabreicht, aber ein Teelöffel voll wurde dem ersten Verdünnungsglas entnommen und in einem weiteren Glas aufgelöst, woraus der Patient einen Teelöffel voll bekam. Die Verschüttelung blieb gleich. Dies führte zu einer radikalen Besserung und beseitigte die Schlafapnoe. Es gab keine Verschlimmerung auf diese so zubereitete Arzneimittelgabe. Das ist ein Beispiel dafür, wie man ein Mittel in zwei Gläsern verdünnt und eine erstaunliche Reaktion bekommt, während das Mittel aus dem ersten Glas eine Verschlimmerung verursachte und dann auch nur zu einer leichten Besserung führen konnte. Zeigt das nicht einen Unterschied in der Gabengröße auf? Nach Kent hätte es in der Arzneimittelwirkung keinen Unterschied gegeben.

5. Ein Patient bekam ein Mittel in medizinischer Auflösung, die 5-mal vor der Einnahme verschüttelt wurde. Er reagierte gut auf die erste Gabe, aber als ihm gesagt wurde, er solle eine zweite Gabe einnehmen, vergaß er, das Arzneimittelfläschchen zu verschütteln und das Mittel zeigte keine Wirkung. Nachdem die Situation besprochen war, wurde er daran erinnert, das Mittel vor der Einnahme zu verschütteln, und es wirkte genauso gut wie beim ersten Mal. Das ist ein Beispiel dafür, dass ein Mittel, das beim zweiten Mal unverschüttelt und unverändert eingenommen wurde, gar keine Wirkung zeigte. Nachdem das Mittel "neu potenziert" war, so wie es Hahnemann im § 248 vorschlug, wirkte es sehr tief greifend. Das demonstriert die Wichtigkeit der Verschüttelung und die Veränderung der Potenz bei jeder Gabe. Das Thema ist zwar verwandt, handelt aber nicht unbedingt von einer veränderten Gabenmenge.

Hahnemann hatte im Organon erwähnt, dass es besondere Bedingungen dafür gibt, wann die Gabenmenge zur Überwindung einer Erkrankung erhöht werden muss. Das erste Beispiel gibt er für den anfänglichen Ausbruch des chronischen Miasmas auf der Haut. Hier sind einige Beispiele dieser Methode.

6. Bei einem Krätzefall (einem der primären Ausschläge der Psora) wirkte der gewöhnliche Teelöffel voll nicht ausreichend, um die Milben zu beseitigen. In § 248 erwähnt Hahnemann, "einen oder (steigend) mehrere Teelöffel" des Mittels zu verabreichen, wenn nötig. Durch das allmähliche Steigern der Gabenmenge von 1 auf 2 dann 3 Teelöffel, wurden die Parasiten rasch beseitigt (Das habe ich häufig gemacht).

7. Ein Tinea-Fall (ein primärer Hautausschlag, der mit dem tuberkularen Miasma zusammenhängt) reagierte nur langsam auf die wiederholte Teelöffelgabe von Bacillinum LM 1. Die Schüttelschläge wurden erhöht, halfen aber nicht. Die Gabe wurde öfter wiederholt, es gab keine Veränderungen. Die Gabengröße wurde auf 3 Teelöffel voll erhöht und die Tinea reagierte sofort und begann zu verschwinden. Diese erhöhte Gabe wirkte, wo eine kleinere versagte. Die Schüttelschläge wurden nicht verändert.

Ein weiteres Beispiel gab Hahnemann von Fällen, die häufig eine höhere Gabengröße benötigten, weil der allgemeine Gesundheitszustand einer Person sich besserte, aber eine hartnäckige, lokale Beschwerde zurückbleibt. Ich habe häufig Fälle gesehen, bei denen es eine allgemeine Besserung gibt, aber eine krankhafte Veränderung oder pathologische Beschwerde bleibt bestehen. In solchen Fällen fängt man am Besten mit den kleinstmöglichen Gaben an um eine Reaktion zu bekommen, und vergrößert sie dann langsam, bis es eine Wirkung auf die Lokalbeschwerde gibt.

8. Ich gab einem Herrn Calc. carb. LM 1, der eine unglaubliche Anzahl von Symptomen hatte, einschließlich Impotenz, was ihm große Verzweiflung bescherte. Er reagierte mental und vital auf die ersten Arzneimittelgaben, aber die Lokalbeschwerde bestand weiterhin solange, bis die Gabengröße über eine bestimmte Zeit allmählich angehoben wurde, indem die Anzahl der eingenommenen Teelöffel als Gabe erhöht wurde. Die Impotenz verschwand und er blieb bis zum heutigen Tag geheilt. Einen weiteren Grund, die Gabengröße zu erhöhen ist, wenn ein Fall nicht mehr länger voranzuschreiten scheint.

Eine Person litt an einer geschwollenen Prostata mit begleitender Melancholie und Impotenz und erschwertem Harnfluss mit einer druckähnlichen Empfindung im Perineum. Ihm wurde zunächst 1 Teelöffel Conium verabreicht, was eine recht gute Wirkung hatte. Er erhöhte den Teelöffel eigenmächtig auf 2 (zu große Dosis) und bekam eine ähnliche Verschlimmerung. Er wurde angewiesen, die Gabe für ein paar Tage einzustellen, um dann wieder mit 1 Teelöffel zu beginnen. Das funktionierte sehr gut, weil die LM 1 und LM 2 verwendet wurden und die schlimmsten Symptome verschwanden. Dann schien es, als wenn die Vorwärtsentwicklung mit dem Mittel einen Höhepunkt erreicht hätte und deshalb wurde die Gabengröße langsam von 1 Teelöffel auf 2 und dann auf 3 erhöht, und wiederum begann sich der Fall rasch aufwärts zu entwickeln und es geht ihm viel, viel besser. Wenn die Gabengröße keinen Unterschied machen würde, wie konnte all dies geschehen?

Dies sind Beispiele für Fälle, bei denen die Methoden der Anpassung der Dosis den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachten. Wenn ich in diesen Fällen die Gabengröße nicht angepasst hätte, hätte das richtige Mittel in Frage gestellt werden können. Diese Methoden stehen alle mit den Erneuerungen in Verbindung, die Samuel Hahnemann in der 5. Auflage (1833) und 6. Auflage (beendet 1842) des Organon und in der 1837-er Auflage der Chronischen Krankheiten eingeführt hatte. Diese Methode verlangt mehr künstlerisches Geschick vonseiten des Homöopathen, aber mit besserem Wissen kommt mehr Verantwortung.

Kent war wahrlich ein großer Homöopath und ein progressiver Denker. Das meiste, was er zur Homöopathie beigetragen hat, hat bleibenden Wert bewiesen. Dennoch lag er in ein paar Bereichen falsch, aber das ist nur natürlich. Meiner Meinung nach hatte seine Sicht der Arzneimittelgabe einen kontraproduktiven Effekt auf die Homöopathie und sie ist sehr gegensätzlich zu Hahnemanns Lehren im Organon. Dies jedoch ist ein Gebiet, welches die Anti-Schwedenborgischen Homöopathen niemals erwähnen, weil die meisten von ihnen die gleiche Ansicht über die Gabe haben wie Kent. Die meiste Kritik ist ziemlich unbegründet und eher lediglich persönliche Meinung als praktische Fakten über die Methodik oder Posologie.

Meine Philosophie ist es, zu verwenden, was angemessen ist und funktioniert, und das zurückzulassen, was nicht praktikabel erscheint. Auf diese Weise kann ich von Jedem Dinge lernen. Es kann von Kent oder Hughes sein, die beide häufig von denen gegeneinander ausgespielt wurden, die Campbells Ideen folgen, welche man in The Two Faces of Homomoeopathy (Die Zwei Gesichter der Homöopathie) findet. Die sogenannte Spaltung zwischen wissenschaftlicher und metaphysischer Homöopathie existiert nicht wirklich. Hahnemann war beides, Wissenschaftler und Metaphysiker, so wie viele heutige Homöopathen. Wenn jemand jegliche Philosophie, Psychologie und Metaphysik aus der Homöopathie entfernen möchte, dann soll man das tun, man sollte jedoch nicht verlangen, dass andere das Gleiche tun müssen.

Konstitution und Gemütsart (Temperament)

Aus Hahnemanns Pariser Krankenjournalen (Referenz: In Search of the Later Hahnemann, Rima Handley, Seiten 71f) wissen wir, dass der Begründer die Hippokratische Temperamentenlehre und die Konstitutionen nach Veranlagungen für bestimmte Krankheiten studierte. Zum Beispiel beschrieb er in seinem Notizbuch Madame del a Nois als 'sanguinisch' und Eugene Perry als 'cholerisch'. In dem Fall von Claire Christallo schrieb er 'neigt zu Skrofula', während er für jemand anderes 'lymphatisch' schrieb. Das ist der gültige Beweis dafür, dass der Begründer die Hippokratischen Temperamente und die Diathesen studierte.

Der Begriff Diathese wird verwendet, um eine vererbte oder erworbene konstitutionelle Veranlagung für einen bestimmten chronischen Krankheitszustand zu bezeichnen. Das sind klassische griechische Methoden, die sowohl häufig eine tiefe Einsicht in die Natur der angeborenen Konstitutionen und Temperamente, als auch für mögliche Krankheitscharakteristiken bieten. Hahnemanns Reine Arzneimittellehre ist das erste homöopathische Werk, das ein vollständiges konstitutionelles Bild in einer medizinischen Arbeit zeichnet. Die Gestalt beinhaltet für den Hofrat (Dr. Samuel Hahnemann, Anm. des Übersetzers) beides, positive und negative natürliche Eigenschaften, die einigen unserer zeitgenössischeren Portraits sehr ähnlich sind. Siehe Reine Arzneimittellehre, Vortrag zu Pulsatilla.

"Es wird daher auch der arzneiliche Gebrauch der Pulsatille um desto hülfreicher seyn, wenn in Uebeln, zu denen in Rücksicht der Körperzufälle dieses Kraut passt, zugleich ein schüchternes, weinerliches, zu innerlicher Kränkung und stiller Aergerniss geneigtes, wenigstens mildes und nachgiebiges Gemüth  im Kranken zugegen ist, zumal, wenn er in gesunden Tagen gutmüthig und mild (auch wohl leichtsinnig und gutherzig schalkhaft) war. Vorzüglich passen daher dazu langsame, phlegmatische Temperamente, dagegen am wenigsten Menschen von schneller Entschliessung und rascher Beweglichkeit, wenn sie auch gutmüthig zu seyn scheinen."

Die angeborenen natürlichen Eigenschaften des Temperaments, die Empfänglichkeiten und diathetischen Konstitutionen sind für die inneren unmittelbaren Krankheitsursachen einzigartig. Im oben aufgeführten Portrait beschreibt Hahnemann die natürliche Veranlagung (Weinerlichkeit, phlegmatisches Temperament), negative Emotionen (innerliche Kränkung, stilles Ärgernis) und positive Eigenschaften (mild und nachgiebig, in gesunden Tagen gutmütig und mild, auch leichtsinnig und gutherzig schalkhaft). Das zeigt ebenfalls, dass das angeborene Temperament der Person im gesunden Zustand und die Verstimmung, die durch die Krankheit verursacht wird, Teil der gesamten Gestalt in der Fallaufnahme sind. Die Eigenschaften des geistigen und emotionellen Charakters, das angeborene Temperament und die Zusammensetzung der körperlichen Konstitution sind alles Quellen allgemeiner Rubriken. Siehe dazu die Reine Arzneimittellehre.

"Am zweckmässigsten ist die homöopathische Anwendung sowohl aller übrigen Arzneien, als insbesondre dieser, wenn nicht bloss die körperlichen Beschwerden von der Arznei den ähnlichen körperlichen Symptomen der Krankheit entsprechen, sondern wenn auch die der Arznei eignen Geistes- und Gemüthsveränderungen ähnliche in der zu heilenden Krankheit, oder doch in dem Temperamente der zu heilenden Person, antreffen."

Wenn ein Homöopath von der Hippokratischen Basis der homöopathischen Heilung einen Eindruck gewinnt und das klassische System der Symptomatologie in Verbindung zu den vier Temperamenten versteht, dann öffnet er ein neues Kapitel in seinem Studium der Materia medica. Im klassischen System wird die genetische Zusammensetzung des individuellen Geistes/der Körpertypen zusammen mit den Allgemeinsymptomen wie Aversionen und Begierden, auf Wärme bezogene und atmosphärische Vorlieben, Neigungen gegenüber Kälte, Hitze, Nässe, Trockenheit, Farbe von Absonderungen und Modalitäten usw. mit großer Genauigkeit studiert. Sie studieren auch die besonderen Symptome der Zonen, die unter Stress in jeder der vier Konstitutionen zusammenzubrechen drohten.

Die modernen Klassifikationen der Konstitutionen in glanduläre und morphologische Typen sind praktisch, beinhalten aber sehr wenig Symptomatologie oder Umweltbedingungen. Andererseits bilden die vier Klassifikationen der ursprünglichen Naturalisten eine ganzheitliche psychophysische Sichtweise der Konstitutionstypen, ihrer Symptomatologie und ihrem Verhältnis gegenüber der Umwelt. Dieses System darf nicht übersehen werden, weil dahinter die klinische Erfahrung von Jahrtausenden steht und es eine der ältesten Traditionen der westlichen Kultur ist. In den Werken der frühen Homöopathen gibt es darüber eine beträchtliche Menge an Informationen. Der berühmte Homöopath J. H. Allen bespricht die Stellung der Temperamente für das Verständnis der Konstitution in seinem Klassiker 'Die Chronischen Krankheiten' im Kapitel über Empfänglichkeiten.

"Das Temperament kann man nicht gut in jedem Fall auslassen, wenn wir unsere Anamnese zusammenstellen, denn wenn wir das Temperament genau studieren, dann sehen wir, dass bestimmte Temperamente für bestimmte Krankheitsformen prädisponiert sind. Darin können wir ein feststehendes Gesetz oder Prinzip involviert sehen. Als Beispiel dafür könnten wir das biliöse (gallige) Temperament nehmen, das so typisch für einen Nux vomica-Patienten ist. Wir kennen die Krankheit, für die er anfällig ist, mit einer positiven Gewissheit. Sind sie nicht direkt oder indirekt hepatisch, gastrointestinal, das Ergebnis eines Missbrauchs oder Exzesses, der für die geistige Zusammensetzung und moralische Schwäche, für ihn selbst eigentümlich ist?"

Weitere Hinweise über das Temperament findet man über alle Schriften verteilt von Hering, Teste, J. H. Allen, H. C. Allen, C. Knerr, H. Roberts, J. H. Clarke und auch versteckt in alter homöopathischer Literatur und in Artikeln. Der Großteil der Literatur bezieht sich auf die klassischen Typen, beinhaltet aber nicht die detaillierten Beschreibungen ihrer Physiognomie, Psychologie oder Physiologie. Um die Verwendung der konstitutionellen Temperamente verstehen zu können, ist es wichtig, klassischen Traditionen, die Pythagoras, Hippokrates und die frühen griechischen Naturalisten eingeführt haben, zu verstehen. Dies tut man am Besten, indem man die griechische Philosophie aus den Originalquellen studiert. Hahnemann und seine frühen Anhänger konnten die ursprünglichen griechischen, lateinischen und arabischen Übersetzungen lesen, und sie integrierten das relevante Material in die Homöopathie.

Für ein weitergehendes Studium dieses Themas konsultieren Sie Hahnemann on Constitution and Temperament, David Little, @simillimum.com.

Kents Sichtweise

James Kent hat die Verwendung der Hippokratischen Konstitutionstypen nicht befürwortet. Er zweifelte die Natur solcher Informationen in seinen Kleinen Schriften an und kritisierte Hering, dass er die Verwendung der Temperamente als Rubrik in der Arzneimittellehre eingeführt hat. Er beklagte sich darüber, dass die Vorstellung von den Konstitutionstypen veraltet und zu nahe mit der Astrologie und anderen Formen der "Pseudowissenschaften" verwandt war, um für einen Homöopathen von irgendeinem praktischen Wert zu sein. Er scheint nicht realisiert zu haben, dass es Hahnemann und nicht Hering war, der als Erster die Hippokratischen Temperamente, diathetischen Konstitutionen und Miasmen in der Homöopathie verwendete.

In seinen Vorträgen zitiert Kent die körperlichen Beschreibungen in den Arzneimittelbildern aus Herings Führende Leitsymptome, aber er ließ vorsichtshalber die Hippokratischen Klassifikationen der Konstitutionen, auf denen sie basierten, aus. Kent lehnte die Verwendung aller biologischen Konstitutionen als Hilfsmittel für die Arzneimittelwahl ab und erklärte, dass die Biologie in der Homöopathie keinen Platz habe. Siehe Kents Kleine Schriften.

"Was hat man davon, wenn man das Studium der Biologie betreibt, um den Unterschied innerhalb der natürlichen Konstitutionen der Menschen zu entdecken, wenn es der Krankheitszustand innerhalb der menschlichen Konstitutionen sein muss, der voll und ganz ausgearbeitet werden muss, um den Arzt bei der Heilung Kranker anzuleiten?"

In Kents Vorlesungen zur Arzneimittellehre verwendet er zahlreiche der körperlichen Beschreibungen, die Hering eingeführt hat, aber er entfernt alle Referenzen zu den Temperamenten. Nichtsdestoweniger realisiert er die Wichtigkeit der Körpertypen für die Homöopathie. So sehr, dass er einmal schrieb: "Ziemlich viel zeigt sich, wenn man sich den Patienten anschaut, sodass wir sagen können: Er sieht wie ein Nat. mur.-Patient aus. Erfahrene Ärzte haben es gelernt, Patienten nach ihrer Erscheinung zu klassifizieren." Das erscheint dem Hahnemannschen Homöopathen befremdend, weil das Temperament die Grundlage der Kunst der Physiognomie, der Wissenschaft körperliche -/Gemütskonstitutionen zu erkennen, ist. Vielleicht hätte ein Teil von Kents Konfusion von Hahnemanns altem Freund Baron von Bönninghausen gelöst werden können.

Der Baron beklagte die Tatsache, dass die meisten Homöopathen Hahnemanns Vorschlag bezüglich der Konstitution und Temperamente, wie auch die Theorie der chronischen Miasmen in § 5, ignorierten. In seinem klassischen Vortrag mit dem Titel "Ein Beitrag zur Beurtheilung des charakteristischen Werths der Symptome" führt der Baron die Ermittlung von Alter, Geschlecht und Körperbeschaffenheit und Temperament des Patienten als höchste Priorität in der Fallaufnahme auf. Er schlägt vor, dass diese Informationen nach dem Wesen der Konstitution während des relativ gesunden Zustandes und nachdem das Individuum erkrankte, getrennt werden sollte. All die Symptome, die für das Wesen gewöhnlich sind, benötigen kaum Aufmerksamkeit, aber diejenigen, die herausragend, selten und besonders sind, werden sehr charakteristisch.

Kent schien sich der Tiefe der Forschungsarbeit von Hahnemanns ursprünglichen Anhängern, die sie über die konstitutionellen Aspekte der homöopathischen Arzneimittel und die Quellen ihrer Erkenntnisse angesammelt hatten, nicht bewusst zu sein. Kents Beitrag zur Debatte über die Anwendbarkeit von Pulsatilla an langsamen, tränenreichen, blauäugigen, phlegmatischen Blondinen war, jedermann zu fragen, ob er jemals gesehen habe, dass eine Pulsatilla-Arzneimittelprüfung blonde Haare bei einer Brünetten erzeugt habe! Während seiner Prüfungen notierte Hering die Hippokratischen Temperamente jedes Prüfers und zeichnete ihre Empfindlichkeit für homöopathische Mittel auf. Pulsatilla erzeugte die charakteristischsten Symptome bei sanftmütigem, plethorischem, phlegmatischem Temperament. Das ist der Ursprung für den Pulsatilla-Typus als sanftmütige, blonde, blauäugige, tränenreiche Frau. Herings anlagebedingtes Portrait von Pulsatilla basiert auf Hahnemanns ursprünglichem Bild aus der Reinen Arzneimittellehre. Herings Aufnahme der Konstitution, des Temperamentes und der Lebensphasen in seinen Führenden Leitsymptomen basierte auf Arzneimittelprüfungen und klinische Bestätigung.

Die wahren angeborenen natürlichen Eigenschaften von Temperament, Empfänglichkeit und diathetischer Konstitution sind von einer archetypischen Wichtigkeit, weil sie die antike Mappa mundi, die Weltkarte, repräsentieren. In der griechischen Mythologie wird gesagt, dass Pulsatilla aus den Tränen der Venus, der Liebesgöttin, geboren wurde, als ihr Geliebter Adonis umgebracht wurde. Dies ist für Pulsatillas sanftmütige, süße, liebende, sympathische, tränenreiche Natur und ihre Tendenz für stille Trauer und Hingabe beispielhaft. Die Wiesen-Kuhschelle (Pulsatillas umgangssprachlicher Name) ist in Übereinstimmung mit der Doktrin der Signaturen so empfindlich auf Luftströmungen, sodass sie dem entsprechend ständig ihre Position wechselt. Dies ist analog zu der Verwendung von Pulsatilla bei wechselhaften, nachgiebigen, passiven Individuen, die die frische Luft brauchen, um sich wohlzufühlen. Es überrascht nicht, dass das Arzneimittel, das aus den Tränen der Liebesgöttin geboren wurde, ein Mittel für das phlegmatische Temperament sein könnte, das nah am Wasser gebaut hat. Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass Pulsatilla am häufigsten in skandinavischen Ländern vorkommt, wo es viele blonde, blauäugige Menschen gibt. Dieser Zufall ist eine Manifestation der natürlichen Sympathien und Harmonien, die über jede rationale Erklärung innerhalb linearer Zeit und Raum hinausgeht.

Zu Hahnemanns Zeiten kannten viele der Vitalisten die konstitutionelle Physiognomie der alten Griechen und verwendeten die vier Haupttemperamente, um die Konstitutionen ihrer Patienten zu klassifizieren. Hippokrates war der erste Arzt, der die konstitutionelle Sichtweise von Krankheit hochhielt und der Ähnlichkeiten zur Heilung von Krankheit anwendete. Unglücklicherweise gerieten seine gesamten Einsichten und die Doktrin der Materia peccans mit Galens fataler Erklärung, dass "Gegensätzliches Gegensätzliches heilt", in Vergessenheit. Hahnemann verfügte über ein großes Wissen über die klassischen griechischen Lehren und bezog sich ständig mit dem größten Respekt auf Hippokrates.

Obwohl Hering die klassischen Konstitutionstypen in seinen klinischen Fällen verwendete, so warnte er doch vor der Verwendung der Typologie als bequeme Schublade, in die man die Patienten schiebt. Nachdem er diese Warnung geäußert hat, fuhr Hering fort, die Wirkung homöopathischer Arzneimittel auf die Hippokratischen Konstitutionen und deren Symptomatologie zu studieren, weil er es praktisch fand. Natürlich folgte er in dieser Praxis Hahnemanns Fußstapfen. Größtenteils haben Kents negative Kommentare über das Temperament einen kontraproduktiven Einfluss auf die moderne Homöopathie gehabt, weil sie Hahnemanns ursprüngliche Lehren bezüglich der Hippokratischen Konstitution, dem Temperament und der Physiognomie überschatteten. Dies beginnt sich zu ändern, sowie wir das Organon der Heilkunst und Hahnemanns Krankenjournale studieren.

Animalculae, Miasmen und das pathologische Prinzip zymotischer Krankheiten

Hippokrates war der erste Arzt, der den Begriff 'Miasma' verwendete, der in dem griechischen Wort für Verunreinigung oder Befleckung seinen Ursprung hat. Er ging davon aus, das bestimmte Infektionskrankheiten über mit Miasmen verunreinigte Luft und Wasser auf den Menschen übertragen werden. Im späten 18. Jahrhundert war es der verbreitete Glaube, dass Miasmen üble Gerüche sind, die für die Verbreitung epidemischer Krankheiten innerhalb von Bevölkerungsgruppen verantwortlich sind. Hahnemann war sich bewusst, dass Luft Infektionskrankheiten übertragen könne, aber er sah das pathogene Material nicht als von gasförmiger Beschaffenheit an. Ab den späten 1790-er hatte Hahnemann realisiert, dass die Syphilis eine infektiöse Bluterkrankung war, die sich mit den Symptomen von vielen unterschiedlichen Krankheiten maskieren kann. Er stellte früh in seiner Karriere ein spezielles Präparat her, das Mercurius solubilis Hahnemanni genannt wird, das im gesamten Europa zur Standardbehandlung der Syphilis diente. Er fand bald heraus, dass die homöopathische Potenzierung von Mercurius viel besser auf sie Syphilis einwirkte, als die reine, giftige Form und er verzeichnete einige dauerhafte Heilungen.

Ein holländischer Naturforscher namens van Leeuwenhoek erfand das Mikroskop und veröffentlichte seine Beobachtungen über kleine "Animalculae" bevor er 1723 starb. Diese Information führte dazu, dass Hahnemann glaubte, dass die Mikroorganismen die Wurzel vieler Infektionskrankheiten sind. Aus diesem Grund unterstützte er die Ideen der Animalculisten, aber gleichzeitig hielt er die Wichtigkeit der Empfänglichkeit der Wirtskonstitution aufrecht. Sehr früh in seiner Karriere schlug Hahnemann vor, dass bestimmte Hautausschläge wie "Crusta lactae" (Milchschorf) durch mikroskopische "miasmatische Animalculae", das sind Mikroorganismen, verursacht werden. Zu jener Zeit gab es zur infektionsartigen Verbreitung von Krankheiten vier Haupttheorien.

1. Das Miasma als giftige gasförmige Ausdünstung

2. Die Theorie der Animalculae (kleine lebende Erreger)

3. Die Ansteckungstheorie (der Kontagionisten)

4. Die Theorie der spontanen Bildung (Abiogenese)

Die Anhänger der Theorie der spontanen Bildung glaubten daran, dass Erreger auftauchten, wann immer die Umstände für ihre Entwicklung mit der Notwendigkeit der Reproduktion günstig waren. In gewissem Sinne stimmt das, denn woher kam der "erste Krankheitserreger"? Der Zymatist schlug vor, dass bestimmte Substanzen, sogenannte "Zyma", die außerhalb des Körpers inaktiv sind, in einem Ruhezustand verharren, bis es ihnen das innere Umfeld ermöglicht, sich zu vermehren und bestimmte Krankheiten zu erzeugen. Die Beobachtungen der Zymatisten ähneln den Aktivitäten viraler Stoffe im menschlichen Körper sehr. Der Begriff zymotisch kann in der alten homöopathischen Literatur gefunden werden und ist eine Rubrik im Abschnitt Allgemeines in Kents Repertorium (Anm. des Übersetzers: In engl. Literatur als 'zymotic'. In deutschsprachigen Repertorien werden die Begriffe 'ansteckend' und 'infektiös' verwendet). Hahnemann führte die Vorstellungen von Animalculae und Zyma zusammen und definierte den Hippokratischen Begriff "Miasma" neu, um die konstitutionellen Störungen zum Ausdruck zu bringen, die von Infektionskrankheiten verursacht werden. Er unterschied sorgfältig zwischen selbst begrenzten akuten Miasmen und Syndromen langwieriger Erkrankungen und begann eine spezielle Materia medica und ein besonderes Repertorium für die Behandlung der chronischen Miasmen zu entwickeln. Daher bedeutet der Begriff "Miasma" in der Hahnemannschen Homöopathie die Wirkung der Mikroorganismen auf die Lebenskraft, einschließlich der Symptome, die auf die nächsten Generationen übertragen werden. Diese chronischen Miasmen sind dazu in der Lage, degenerative Krankheiten und Autoimmunkrankheiten zu verursachen, und sie führen den Körper in einen Zustand von immunschwächebedingten Erkrankungen.

Kent glaubte nicht, dass die Mikroorganismen im Krankheitsprozess irgendeine aktive Rolle spielten. Er lebte zu einer Zeit, in der die neue Theorie von den Krankheitserregern eine weitere einseitige allopathische Entschuldigung dafür wurde, ihre Patienten mit Giften zu therapieren. Siehe Kents Theorie der Homöopathie, Seite XXVII und Kapitel 28: Die Arzneimittelprüfung.

"Die meisten Ärzte machen sich wegen der 'bösartigen Mikroben' als Krankheitsursache verrückt und glauben, dass diese kleinen Kerle äußerst gefährlich wären."

Kent gestand Mikroorganismen überhaupt keine pathologische Rolle zu und behauptete, dass sie lediglich 'Aasfresser' seien. Laut ihm treten die Tuberkelbakterien auf, nachdem sich Schädigungen gebildet haben, doch hatte Hahnemann lange vorher darauf geschlossen, dass bestimmte 'miasmatische Animalculae' übertragbaren Krankheiten zugrunde liegen. Tatsächlich schrieb er, dass diese Parasiten, wie im Falle des syphilitischen Miasmas, von Mensch zu Mensch übertragen werden. Hahnemann schrieb die erste umfassende Studie über die Auswirkungen der Mikroorganismen auf die menschliche Konstitution, dennoch betonte er die Wichtigkeit von Konstitution und Empfänglichkeit. Hippokrates hat eher die äthiologischen Umstände - die Konstitution, Veranlagung und Miasmen einschlossen - gelehrt, als irgendeinen einseitigen Einzelfaktor wie Krankheitserreger. Im Wesentlichen stimmen also Hippokrates, Hahnemann und Kent über die Wichtigkeit der Veranlagung überein, aber Kent war es nicht klar geworden, dass miasmatische Animalculae die defensive Lebenskraft dynamisch verstimmen und Autoimmunerkrankungen und Immunschwächestörungen bewirken können. Kent sagte einmal:

"Das Bakterium ist ein unschuldiger Kerl, und wenn es Krankheiten in sich birgt, trägt es die Elementarsubstanz, die die Krankheit verursacht, so wie es auch ein Elefant würde."

Unser großer Bruder schien nicht verstanden zu haben, dass die Lebenskraft des Animalculae-Miasmas etwas lebendiges, dynamisches Geistartiges mit der natürlichen Kraft ist, die instinktive Lebenskraft eines Menschen zu verstimmen und sich innerhalb der Wirtskonstitution auszubreiten. Das Animalculae-Miasma hat die krankheitsregulierende natürliche Fähigkeit, dynamisch Symptome hervorzurufen. In der Praxis jedoch waren die Miasmen für Kents konstitutionelle Behandlung zentral und er hat großartig zu unserem Verständnis des Sykose-Miasmas beigetragen. Seine Ablehnung der Krankheitserregertheorie in toto hat Kents sogenannten wissenschaftlichen Kritikern viel Gesprächsstoff verschafft, aber in der Praxis heilte er die Miasmen, weil er den Lehren der Chronischen Krankheiten (1828) folgte. Kent wendete dieselbe homöopathische Gestalttherapie an wie Hahnemann und nie vergaß er die Gesamtheit der Symptome, die in den miasmatischen Syndromen enthalten sind. Kent hat keine "Kentsche Homöopathie" geschaffen. Wir taten dies in unserer Vorstellung. Kent war Hahnemannianer.

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David Little

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