Vorträge über das Organon der Heilkunst - Zum Verständnis des § 1

Vorträge über das Organon der Heilkunst - Zum Verständnis des § 1

Author: 
Manish Bhatia

Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.

Der erste Paragraf legt den grundlegendsten Zweck dar, ein Arzt zu sein. Die Erklärung in sich sieht sehr einfach aus. Von einem Arzt wird angenommen, dass er die Kranken heilt. Was also gibt es da Besonderes? Aber zu diesem Paragrafen gibt es mehr als augenscheinlich ist. Jedes Wort in diesem Satz ist bedeutungsschwanger und die Wortwahl hat ihre eigene Bedeutsamkeit.

Lassen Sie uns zuerst einmal sehen, welche Optionen Hahnemann hatte, als er diesen Paragrafen formulierte. Er hätte sagen können –

  1. Die Arbeit eines Arztes ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.
  2. Der Beruf eines Arzts ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.
  3. Der Beruf eines Arzts ist, die Krankheit zu behandeln.
  4. Der höchste Beruf eines Arzts ist, kranke Menschen zu heilen.
  5. Des Homöopathen höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.

Die Sätze sehen alle sehr ähnlich aus. Welchen Unterschied macht es, wenn ein Wort geändert oder entfernt wird? Hahnemann war ein Perfektionist. Er wusste, was er schreiben wollte, was er vermitteln wollte, und er wollte in seinen Worten keine Mehrdeutigkeit haben.

Lassen Sie uns unsere Erkundung dieses Paragrafen mit dem Wort 'Beruf' oder 'Berufung' beginnen. Hahnemann hatte Kampf, Leiden und den Tod aus nächster Nähe gesehen - nicht nur bei seinen Patienten, sondern auch in seinem eigenen Leben und in seiner Familie. Jene, die selbst schon gelitten und ein mitfühlendes Herz haben, können die Verpflichtung Hahnemanns gegenüber seinen kranken Patienten verstehen. Und er verlangt von jedem Arzt dasselbe Niveau der Verpflichtung. Hier redet er nicht über die 'Arbeit' eines Arztes. Der 'Beruf' ist zu 'behandeln'. Sondern er gibt das 'Ziel' oder den Zweck der Behandlung vor. Die Behandlung sollte mit dem Ziel erfolgen, den Patienten gesund zu machen. Sie könnten sagen: "Was ist so Besonderes daran? Jeder Arzt versucht, seine Patienten zu heilen. ”

Aber ist das wirklich wahr? Zu Hahnemanns Zeiten war das medizinische System der Lust und Laune seiner Praktiker ausgeliefert. Mit Behandlungen wie Aderlass, Abführen, Schwitzen, Diuretika und anderen ungeprüften Arzneimitteln war die Gewissheit zu Leiden und des Todes nach der Behandlung größer als zuvor. Hahnemann wusste, dass sich nur sehr wenige Ärzte der tatsächlichen ‘Heilung' bewusst waren. Und selbst nach 200 Jahren hat sich die Welt kaum geändert. Wir 'behandeln’ immer noch die Hypertonie, die Schilddrüse, die Herzprobleme, die Nierenprobleme. Und die Behandlung besteht oft lebenslang, mitsamt ihren eigenen Nebenwirkungen. Das Schlimmste daran ist, dass Vieles an der 'Behandlung' nicht einmal gerechtfertigt oder schlichtweg falsch ist. Für die Mehrzahl der viralen Mittelohr- und Halsentzündungen verordnen Allopathen immer noch Antibiotika. Die 'Arzneimittel' sind immer noch eine der häufigsten Todesursachen.

Deshalb machte Hahnemann es sehr deutlich, dass, während Ihre Arbeit die Behandlung ist, Ihr Ziel es sein sollte, den Patienten zu heilen. Es gibt einen Unterschied im Verpflichtungsniveau zwischen Ihrer 'Arbeit' und Ihrem 'Beruf'. Die Leute können schludrig oder unachtsam bei ihrer Arbeit sein. Sie erfüllen möglicherweise ihre 'Pflichten' nicht. Wenn aber die Verpflichtung von innen kommt, wenn sie zu Ihrem Beruf wird, dann werden Sie wirklich tun, was am ehesten den Interessen Ihres Patienten entspricht. Und das ist es, was Hahnemann von jedem von uns erwartet.

Nachdem dieses gesagt ist, worin besteht die Notwendigkeit, die Adjektive 'höchster und einziger' dem Wort 'Beruf' voranzustellen? Wenn Sie die Leute fragen, was für sie in ihrem Leben ihre Berufung ist, hören Sie womöglich Antworten wie: „Ich will ein guter Arzt sein.“ Oder: „Ich will viel Geld verdienen“. Oder: „Ich möchte ein glückliches und geordnetes Familienleben führen“. Oder: „Ich will berühmt werden“. Die Leute verwechseln ihre 'Bedürfnisse', 'Begierden', 'Wünsche' und 'Arbeit' oft mit ihrem Beruf. Wenn Sie Arzt sind, ist es Ihre 'Arbeit', den Patienten zu behandeln; es ist Ihre 'Pflicht', ihn auf die bestmögliche Art zu behandeln. Viel Geld zu verdienen oder ein guter Arzt zu sein sind Ihre 'Wünsche'. Ebenso haben Sie Ihre Pflichten Ihrer Familie, Ihren Eltern und der Gesellschaft gegenüber, in der Sie leben. Obwohl Ärzte dienlich sind, haben sie auch ihre finanziellen, emotionalen und sozialen Bedürfnisse. Es gibt nichts Falsches in der Erfüllung Ihrer Pflichten und Ihrer Wünsche. Aber Sie müssen Ihre Prioritäten richtig setzen. Ihre Wünsche sollten Sie nicht dazu veranlassen, vom 'wirklichen' Zweck Arzt zu sein, abzuweichen. Wie hat es H. A. Roberts ausgedrückt?

Die Entscheidung liegt bei der Person und daran, zu was sie sich entschlossen hat, von ihrem Lebenswerk sicherzustellen. Wenn es finanzielle Ambitionen sind, dann tut sie besser daran, nicht die Homöopathie aufzunehmen. Die Homöopathie ist ein Prinzip, und Prinzipien dulden keine Teilung der Loyalität. Wenn die Person von Herzen den Wunsch hat zu dienen, kann sie sowohl Ruhm und Reichtum finden, als auch diese begeisternde Zufriedenheit zu wissen, dass sie ihrer Kundschaft das Geschenk machte, auf die sicherste, sanfteste und rascheste Art und Weise geheilt zu haben.

Während Sie also viele Wünsche und Pflichten haben können, sollte Ihre höchste Priorität das Wohlergehen Ihrer Patienten sein. Und während Sie viele Wünsche und viele Pflichten haben können, können Sie nicht in ihrem Leben viele 'Berufe' haben. Zur Ausübung der Homöopathie braucht es eine zielstrebige Hingabe. Daher die Verwendung der Worte 'höchster und einziger'.

Was es noch Wert ist, hier erwähnt zu werden, ist die Verwendung des Wortes 'Arztes'. Er hätte das Wort 'Homöopathen' statt Arztes verwenden können. Aber Hahnemann änderte dieses Wort selbst dann nicht, nachdem die Homöopathie vollständig eingeführt war und er sogar von seinen allopathischen Brüdern verbitterter Opposition ausgesetzt war. Der Grund liegt darin, dass es unwichtig ist, welche Form der Medizin wir ausüben – die Homöopathie, die Allopathie, Ayurveda, TCM oder irgendetwas anderes - die Absicht oder der Zweck der Behandlung kann sich nicht von Pathie zu Pathie oder von Arzt zu Arzt unterscheiden. Als Hahnemann das Organon schrieb, lag seine Absicht nicht darin, eine neue Schule der Medizin zu beginnen; er wollte nie, dass die Homöopathen eine separate Klasse von 'Ärzten' waren. Tatsächlich glaubte er eine universale Wahrheit gefunden zu haben und dass jeder in der medizinischen Gemeinschaft das Ähnlichkeitsgesetz früher oder später akzeptieren würde.

Jetzt gehen wir zum nächsten Teil weiter, und das ist das 'Heilen'. Ich habe schon den Unterschied zwischen Ihrer Arbeit und Ihrem Beruf als Arzt erörtert. Hahnemann hat es sehr klar ausgedrückt, dass, während es unsere Arbeit ist, den Patienten zu behandeln, es unser Beruf sein sollte, den Patienten zu heilen. Und er hat eine sehr kurz gefasste und sehr genaue Definition der Heilung gegeben, sodass es keine Abweichung für eine falsche Interpretation des Wortes 'Heilung' geben kann. Die Leute verwechseln oft das 'Entfernen von Symptomen' oder das 'Entfernen der Krankheit' oder das 'Entfernen der Pathologie' mit Heilung. Die Leute kennen oft nicht einmal den Unterschied zwischen Palliation, Unterdrückung und Heilung. Wie gewöhnlich ist es doch, dass Patienten mit einer Mittelohrentzündung auf eine Erkältung mit Antibiotika behandelt werden; wie gewöhnlich ist es doch, dass Patienten mit einem trockenen Husten, der oft monatelang anhält, auf eine Erkältung mit Antibiotika behandelt werden; wie gewöhnlich ist es doch dass Patienten mit Heuschnupfen Antiallergika einnehmen und die dann eine allergische Bronchitis und Asthma entwickeln. Wenn die konventionelle Behandlung in Richtung Heilung abzielen würde, warum gibt es so oft Folgeerkrankungen auf eine Behandlung? Sie bekommen eine Blinddarmentzündung, der Wurmfortsatz wird entfernt. Sie bekommen eine Gaumenmandelentzündung, die Gaumenmandeln werden herausgenommen. Sie bekommen entzündete Rachenmandeln, sie werden entfernt. Sie bekommen ein Gebärmutterfibrom, sie entfernen die ganze Gebärmutter - und nennen es dann eine 'Heilung'! Hahnemann war sich über die Bedeutung von Heilung sehr im Klaren. Er hat eindeutig gesagt, dass bei Beendigung der Behandlung der Originalzustand der Gesundheit der Person ‚wiederhergestellt’ sein muss. Wenn der Patient danach weitere aber andere Probleme entwickelt, ist es eine Unterdrückung. Wenn Sie das krankhafte Organ entfernen, heilen Sie damit Ihren Patienten nicht, Sie entfernen damit nicht den Krankheitszustand – Sie schaffen damit nur einen anderen, kompensierten Zustand. Wenn Sie einen Patienten heilen, sollten die Symptome und die Pathologie verschwinden und zu derselben Zeit sollte das allgemeine Gefühl des Wohlbefindens der Person besser werden. Es sollte keinen Rückfall der chronischen Beschwerden geben, und die Anzahl und Intensität von Akuterkrankungen sollte zurückgehen. Nur wenn der Patient zu seiner optimalen physischen, geistigen und emotionalen Gesundheit zurückkehrt, nennen wir dies eine wirkliche Heilung.

Der letzte Brennpunkt dieses Paragrafen ist das Wort 'kranke'. Hahnemann wusste, was wir zu heilen haben. Sind es die Symptome, ist es die Pathologie oder die Krankheit? Nein! Der kranke Mensch besteht aus mehr als aus den Symptomen und der Krankheit. Hahnemann wusste, dass der Krankheitsprozess lange vor dem Auftreten von Symptomen und der Pathologie beginnt. Und dieser Prozess variiert von Person zu Person, selbst wenn sie an derselben Pathologie zu leiden scheinen. Und wenn wir eine Person heilen müssen, müssen wir den ganzen Prozess abwickeln; wir müssen der zugrunde liegenden Empfänglichkeit begegnen. Sonst lindern wir nur die Symptome unserer Patienten. Wir dürfen uns nicht nur der Krankheit annehmen, es sie ist die 'Person' mit dieser Krankheit - die kranke Person, die das Objekt unserer Behandlung sein sollte. Und das Ziel der Behandlung sollte sein, die Kranken wieder gesund zu machen.