Viele Handschriften der alten Meister wurden noch nie veröffentlicht

Viele Handschriften der alten Meister wurden noch nie veröffentlicht

Author: 
Luise Kunkle

Zitat eines Kollegen:

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob Du es warst oder jemand anderes. Aber irgendwo wurde einmal vorgeschlagen, man solle sich doch mehr mit den Schriften der alten Meister im IGM Bosch befassen und sie veröffentlichen.

Nie würde ich es mit zutrauen, die Originalschriften in einer ähnlichen Weise zu verarbeiten, wie es zum Beispiel in den Publikationen des IGM geschehen oder vielmehr vollbracht worden ist. Für mich sind diese Handschriften buchstäblich unleserlich.

Alleine das entziffern der Handschriften scheint mir eine Wissenschaft für sich zu sein. Hättest Du nicht Lust,  Deine Erfahrungen mit der Arbeit mit Originalschriften mit uns allen zu teilen? Vielleicht gelingt es Dir Menschen zu motivieren, damit diese schlummernden Schätze endlich wieder ans Tageslicht kommen.

Hmm - ja. Ich verstehe das schon. Was mich betraf - ich hatte auch nicht mehr Ahnung als der Kollege, eigentlich eine Menge weniger, weil ich mich mit der Sache der Manuskripte noch gar nicht befasst hatte - ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen und habe mir erst nachher überlegt, ob ich überhaupt schwimmen konnte.

Aber ich kann erzählen, wie es mir ergangen ist - und kann auch ein paar Tipps geben, wie man es besser machen kann. Vielleicht bekommt dann wirklich jemand Lust oder kommt zu dem richtigen! Schluss, dass es sooo schlimm eigentlich nicht sein kann. Und ich finde wirklich, dass sich die Mühe für die Homöopathie lohnen würde.

Also mal erst mein Erfahrungsbericht:

Am Anfang war eine Idee.

Ich hatte mich einige Zeit mehr oder weniger eingehend mit den veröffentlichten Krankenjournalen Hahnemanns beschäftigt. Dann kam mir so der Gedanke: wäre doch nett, diese mal mit den Krankenjournalen v. Bönninghausens  zu vergleichen. Ich habe mir also vom IGM Bosch Kopien von circa hundert Krankenakten irgendwo aus seiner “mittleren Periode” besorgt - und erlebte  eine grausige Enttäuschung. Ich konnte absolut gar nichts entziffern. Nicht nur hatte der Mensch eine richtige “Ärzteklaue” - es gab auch nur stichpunktartige Minisätze, so dass ich aus dem Zusammenhang nichts raten konnte. Das Resultat war, dass die Kopien mal erst in meine Homöopathiekiste wanderten und zusammen mit der Idee längere Zeit ruhten.

Dann, irgendwann, dachte ich mir, es wäre doch schön, mal einen längeren „Urlaub“ in Stuttgart am Institut zu verbringen - und die Idee wurde wieder belebt. Ich hatte schon einige Jahre vorher einen Artikel über „Die Mysteriösen Q-Potenzen“ für das Journal „Medizin und Geschichte“ des IGM geschrieben und kannte von daher Prof. Jütte, den Leiter des Instituts, eher flüchtig, und er kannte mich wohl insoweit, dass er annahm, ich würde zumindest versuchen, mir mit Recherche und Schreiben meiner Texte Mühe zu geben. Als ich mich mit ihm in Verbindung setzte, um nachzufragen, ob ich einige Wochen am Institut arbeiten dürfte, bot er mir ein kleines Stipendium an. Dieses Stipendium ist weiterhin ausgelobt – Näheres darüber findet man unter http://igm-bosch.de/f15.htm.

Dieses Stipendium war natürlich eine angenehme Überraschung, aber es war relativ unwichtig im Vergleich zu der angenehmen Atmosphäre am Institut, die zum größten Teil durch die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aller Mitarbeiter des Instituts, von den Professores bis zu den studentischen Hilfskräften, hervorgerufen wurde. Auch waren die Arbeitsbedingungen ideal: ich hatte Zugang zu den Manuskripten, der sehr reichhaltigen Bibliothek, ich hatte einen Arbeitsplatz mit Computer – idealer hätte es nicht sein können.

Als weitere angenehme Überraschung stellte sich heraus, dass die ersten 91 Krankenakten v. Bönninghausens, aus seiner Anfängerzeit, einigermaßen leserlich und vor Allem zu einem großen Teil im Fließtext zusammenhängend! geschrieben sind. Mit der Hilfe der Professoren Dinges und Jütte und der anderen Mitarbeiter, gelang es mir ziemlich bald, sie recht fließend zu lesen und abzuschreiben.

Es waren ja schon einige Dokumentationen vorbereitet, für die Leute, die seit Jahren die veröffentlichten Krankenjournale Hahnemanns transkribiert hatten. Weiterhin gab es Listen, in der alle archivierten Manuskripte, bis hin zum letzten Zettel, genau und ausführlich aufgeführt sind. Besonders hilfreich war, dass es schon eine Transkription des Falls der Annette v. Droste Hülshoff, v. Bönninghausens allererster Patientin, in einer Veröffentlichung gab.  ( Dinges M. Holzapfel K: Von Fall zu Fall: Falldokumentation und Fallredaktion. ZKH 2004; 48: 149 - 167), mit deren Hilfe ich dann einige Seiten jeweils abgleichen konnte.

Die oben angesprochenen 91 Krankenakten sind in dem 1. Krankenjournal zusammengefasst, und ich war von diesem Tagebuch fasziniert und begeistert - der Text war auch so spannend, wie es sich eine begeisterte Krimileserin nur wünschen konnte.

Jeder Homöopath kennt wohl zumindest einige von v. Bönninghausens Veröffentlichungen und weiß, mit welch flüssigem Stil er schreibt und wie interessant er seine Geschichten darbieten kann. Nun, dieser Stil und diese interessante Präsentation ist auch in dem 1. Krankenjournal zu finden (in den späteren leider nicht mehr). Eine Erholung nach der Lektüre der Hahnemannschen Journale! Ich schwärmte bei den Mittagessen  Herrn Prof. Jütte davon vor und er machte den Vorschlag, ich solle das Journal doch transkribieren. Ich stimmte zu - und ich kann nur sagen: “ich wusste nicht, was ich tat”. Eine solche Transkription, mit der ich einen großen Teil der nächsten 18 Monate verbrachte, ist Schwerstarbeit.

Aber es hat sich gelohnt, es ist einfach wunderbare Lektüre. Prof. Jütte will versuchen, dafür einen Verleger zu finden oder was auch immer. Wenn es mit der Herausgabe durch IGM Bosch nicht klappt, darf ich es auf meine Seite stellen. Auf jeden Fall sollte dieses Juwel irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft für die deutschsprachigen Homöopathen zugänglich sein - auch dafür war es mir die Arbeit wert.

Hier ist ein Ausschnitt aus seiner eigenen Krankenakte:

11. Dec. Anfall: ich hatte bei der Pr. v. d. Beck mit meiner Frau eine Tasse Cho-

17          kolade getrunken, und ging von da zu der Lendermann. Schon vorher nahm

18          das Sausen, besonders im rechten Ohr zu. Hier wurde mir übel und schwind-

19          lich, so daß ich kaum von der Treppe konnte, und auf der Strasse muste

20          ich mich 3mal erbrechen. der Schwindel nahm nun stets überhand. Ich

21          rief meine Frau ab, und eilte nach Hause. Kaum daß ich gehen konnte.

22          nach dem Anschellen an der Thür muste ich mich setzen, zweimal oder 3mal

23          stark erbrechen, und stürzte dann ohne Besinnung häuptlings von

24          der Treppe herunter, wobei ich mich an der Stirn und beiden Händen

25          etwas verletzte. Oben an der Treppe nochmal heftiges saures

26          Erbrechen in öfteren schmerzhaften Ansätzen. dann auf dem Zim-

27          mer und nicht lange darauf im Bette ebenfalls wiederholt. Beim

28          letzteren Brechen erfolgte nichts als zäher Schleim. dabei war der

29          Schwindel von ungemeiner Stärke, so daß alles vor den Augen tantzte

30          und ich gar nichts erkennen konnte, mit stetem Sausen im Kopfe.

31          Bei jedem Aufrichten des Kopfes oder nur in die Höhe sehen kam ein

32          Brechanfall. Endlich gelang es, durch meine Frau die C 12 Verdünnung

33          der Nux zu erhalten, mit dessen feuchtem Stöpsel ich blos die Zunge

34          berührte. das Erbrechen hörte darauf sogleich auf, der Schwindel nahm

35          von Minute zu Minute ab, ich schlief dann ein, und erwachte erst

36          Morgens ½ 5 Uhr ganz wohl, und ohne, ausser etwas durst, auch nur

38          das mindeste zu fühlen. Auch  nach dem Aufstehen war mir

39          so wohl, wie immer, so daß alles im Hause verwundert war, mich

40          so schnell hergestellt zu sehen.

Wie oben gesagt, ist dieses Krankenjournal relativ leicht zu lesen, und ich konnte mich durch meine Transkriptionsarbeit so weit in die Schrift v. Bönninghausens einlesen, dass ich bei den späteren Krankenakten mit seiner dort vorherrschenden Ärzteklaue auch nicht mehr allzu große Schwierigkeiten hatte und habe.

Und jetzt die Tipps, wie man es besser machen kann:

Also, jemandem, der sich in die Manuskripte von v. Bönninghausen oder Hahnemann einarbeiten möchte, würde ich vorschlagen, sich im Institut Kopien des Briefwechsels zwischen den beiden zu beschaffen. Natürlich schreiben beide in einem Brief in Schönschrift, so dass man sich mal erst einlesen kann.

Allerdings gibt es für die meisten der heutigen Homöopathen eine Hürde ganz am Anfang, die fast unüberwindlich scheint, die aber relativ leicht zu nehmen ist. Hahnemann und v. Bönninghausen haben ihre deutschsprachigen Texte nicht in lateinischer, sondern in deutscher Schrift geschrieben. Diese Hürde besteht natürlich auch in schön geschriebenen Texten.

Aber sie ist wirklich leicht zu überwinden. Man frage jeden, der Russisch gelernt hat - die Schrift hat man in kurzer Zeit so weit gelernt, dass man an fangen kann zu buchstabieren - mit dem “Spickzettel der Buchstaben” daneben - und danach bringt's die Übung.)

Es gibt dann von der Schrift her noch einige weitere Hürden, weil sie nicht so standardisiert war wie die lateinische. Diese Probleme hatte ich genau so. Aber es gibt im Institut auch Unterlagen, wo man die verschiedenen Schriftweisen der “deutschen Schrift”, nachschauen kann. Die sind schon in den o. e. Unterlagen für die Transkription vorhanden.

Wenn das dann alles so weit erfolgreich war, dass man die Briefe fließend lesen kann, teilt sich die Methode etwas.

Für Hahnemann besorgt man sich Kopien aus einem Manuskript, das schon veröffentlicht ist. Dann legt man den Text in der Veröffentlichung daneben und fängt an. Dort steht dann die buchstaben- und zeilengenaue Transkription, und der Vergleich ist recht einfach. Aber die Entzifferung der Hahnemannschen Dokumente ist und bleibt mühselig. Das sollte man wissen, sonst gibt man frustriert wieder auf und hat nichts davon gehabt.

Bei v. Bönninghausen. gibt es dazu noch die Möglichkeit, sich Seiten aus dem 1. Tagebuch zu beschaffen. Irgendwann wird man dies wohl gegen den veröffentlichten Text abgleichen können, wie bei Hahnemann - vorerst jedoch kann man es machen wie ich oben beschrieben habe, d.h. man besorgt sich die Kopie des Falles der Annette von Droste-Hülshoff aus dem Manuskript  und die buchstabengenaue Veröffentlichung und vergleicht.

Später, bei den Krankenjournalen, die ich auf meiner Seite stehen habe - und die problemlos runtergeladen und ausgedruckt werden können - kann man sich ja von  einigen eine Kopie des Manuskripts besorgen und weiterhin mal erst nachschauen, wenn man etwas nicht lesen kann.

Also, liebe KollegInnen - die Autoren der schon herausgegebenen Krankenjournale Hahnemanns und in kleinem Umfang auch ich  haben den Pfad schon teilweise ausgetrampelt - es wäre nett und m. E. sehr gut für unsere kollektive Arbeit, wenn einige - so viele wie möglich - weitermachen würden!

Wenn auch die späteren Patientenakten stilistisch nicht mehr an die Dramatik des oben zitierten Abschnitts heranreichen, so sind sie doch zu einem großen Teil keineswegs langweilig.

Zur Demonstration hier eine solche Akte:

Die Notation ??..??  bedeutet unleserliche Worte, Buchstaben oder auch längere Textstellen.

Die Zahlen außerhalb der Tabelle, also z. B. (Caust 3....) bedeuten Anzahl der Unterstreichungen

a. 5 bzw. 8 T. bedeutet: alle 8 Tage im Wechsel.

Vol  1                                                                                                                Fol. 1

N. J. B. Klostermann, Kupferschläger hier. _____________________________________

Krankheitsform:

Schmerzlose Lähmung des rechten Schenkels, welcher verkürzt ist, ohne Geschwulst, mit Kältegefühl an demselben:

Individuelles:

Anstrengung verschlimmert, - habituelle Verstopfung und Hartleibigkeit, - Neigung zur warmen Stube, - Schwindel beim Sehen in die Höhe, - Taumeligkeit beim Gehen im Freien; - (Ruhiges Gemüth (?) - Verdrießlichkeit und Ärgerlichkeit.

( Caust 3, Sep. 1  Sil 3 - Plumb  Puls.)      ??

Datum

Erfolg und neue Zeichen

1835

21 Apr.

Cocc C 30 2 G

wenig besser. - Nachts wieder Träume

23 ---

Oleand. C 30 2 G

Öffnung besser, Gehen besser, Träume fort.

24. --

S. lact

jetzt viel gebessert

29 --

S. lact.

viel gebessert, nun Müdigkeit beim fortgesetzten Gehen besonders in den Knien, und Nachts dumpfer Schmerz darin

3 May

Sulph. C 30 2 G

das Bein wieder eben lang wie das andere; - jetz nächtlicher Schmerz im linken Knie und Umgegend

21 May

Merc. C 30

2 G

danach nicht gebessert.

5 Jun.

Sulph. C 60 3 G

viel besser

17 Jun.

Sulph. C 30 3 G

Noch Mattigkeit in den Knien beim Gehen

20 Jul.

Calc. C 30 3 G

[Bedeutung unklar]

30 -

Nitr. ac. C 30 2 G

Wieder verschlimmert

27 Dec.

Rhus C 30 2 G

(16. Jan. 1836. 11ow. 3 ??..?? 20 ??..??. --

1836

Wieder Lähmung in den Beinen bei Bewegung

1 Feb.

N. vom.

??..??

Seit Febr. 1836 allopath gebr. und nun sehr verschlimmert, abends schl.

1840

27 Maerz

1. Sulph.

2. Adyn.

Ohne Wirkung.

5. Apr.

a. 8 T.

1. Oleand.

2. Adyn.

Krampfen anfangende Besserung.

21 Apr

a. 8 T.

ars. ?

cocc ?

??..??

6 May

a. 8 T.

1. N. mur.

2. Ad.

Nicht besser. - Unwillkürlicher und unbewußter Harnabgang

18 -

a. 5 T.

1, 3. Ars.

2. Dulc.

Nicht besser. - Nun auch das Gesicht so vergangen, daß er nicht lesen kann.

1. Juni

a. 5 T.

das Gesicht ganz, auch das Andere etwas gebessert

22 -

a. 5 T.

1. N. v.

2. Phosph.

3. Adyn.

Fortwährend besser

6 Juli

1. Kali

2. Phos-

 

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Luise Kunkle