Miasmen im Fallmanagement Teil 2: Krankheitsentwicklung und ihr miasmatischer Ausdruck

Miasmen im Fallmanagement Teil 2: Krankheitsentwicklung und ihr miasmatischer Ausdruck

Author: 
Leela D'Souza

Der bedeutendste Beitrag durch das Symposium des Dhawle's Institute of Clinical Research (ICR) für die Interpretation von Hahnemanns Theorie der Chronischen Krankheiten ist das Konzept von der "Krankheitsentwicklung" (natürlich und medikamenteninduziert) in einem Individuum über die Zeit gesehen. Im ersten Teil der 'Chronischen Krankheiten' führt Hahnemann eine ganze Anzahl von Aufzeichnungen von Fällen aus medizinischen Zeitschriften aus Jahrzehnten einzeln auf. Sie zeigen alle das Fortschreiten von Krankheiten (dem Tod entgegen) nach der Unterdrückung eines oberflächlichen "juckenden" Hautausschlages. Für Hahnemann stimmten alle diese Krankheiten mit dem Ausdruck der Psora, dem "vielköpfigen" Monster, überein.

Aber das ICR Symposium verstand dieses Fortschreiten der Krankheit stattdessen als eine "miasmatische Entwicklung" von Krankheit. Dieser Ansatz führt das Heringsche Gesetz der Heilung weiter in den Brennpunkt. Wenn wir darüber ein wenig nachdenken, so ist die Krankheitsentwicklung schließlich das Fortschreiten der Krankheit entgegengesetzt dem Gesetz der Heilung! Die Erkenntnis von dessen Wichtigkeit wird für das Verständnis der Entwicklung von chronischer Krankheit im Individuum beitragen und daher auch zur miasmatischen Heilung.

Dr. K.N. Kasad, MB BS, MFHom, ein ausgezeichneter klassischer Homöopath, der die Schrift verfasste, die die meisten der unten aufgeführten Einzelheiten enthält, lehrte auf meinem College in Mumbai und ist für seine Pionierarbeit mit Krebspatienten bekannt geworden. Ich werde ausgiebig aus diesem Papier zitieren, das er auf dem ICR Symposium präsentierte.

Die Krankheitsentwicklung verstehen:

Wir wissen, dass der erste Schritt, um eine zutreffende miasmatische Interpretation eines Falles zustande zu bringen, die gewissenhafte Aufzeichnung jeder Einzelheit mit all den vollständigen Symptomen im Sinne von Ort, Empfindung, Modalitäten, möglicher Ursache und Begleitumständen, Vorleben, Familiengeschichte, persönlicher Geschichte einschließlich mentaler und physischer Allgemeinheiten und der Geschichte der verschiedenen Behandlungen, die bisher vorgenommen wurden, ist. All diese sollten ferner im Sinne von Entwicklung der Symptome in Bezug auf die Zeit interpretiert werden.

Eine interessante parallele Beobachtung ist hier die "künstliche Arzneimittelkrankheit", die wir während einer Arzneimittelprüfung sich entwickeln sehen, und die eigentlich im Sinne einer entstehenden Arzneimittelkrankheit interpretiert werden könnte, wenn die Prüfungsinformationen in dieser Art in den Quellenbüchern unserer Materia medica aufgezeichnet worden wären. Unglücklicherweise entschloss sich Hahnemann für das regionale Schema in seiner "Reinen Arzneimittellehre", was die Möglichkeit für dieses Konzept, von den frühesten Prüfungen Gebrauch zu machen, ausschloss.

Was würde dieser Verlauf des Zeitausdrucks der künstlichen Arzneimittelkrankheit (Arzneimittelprüfung) sein?

Es beginnt mit der Konstitution (Normalität) --> Diathese --> Prodromalerscheinung --> Psora (primär --> sekundär) --> Sykose --> Tuberkulose --> Syphilis. Alle gut geprüften Mittel der Materia medica könnten Symptome nach obigem Fortschreiten des Ausdruckes in dem Prüfer entwickelt haben. Wäre es heute möglich, Mittel erneut zu prüfen und die gewonnenen Informationen zu dokumentieren, und dies mit zu bedenken?

Das Konstitutionsmittel:

Jedem Homöopathen, der das Konzept des "Konstitutionsmittels" anwendet, bleibt es unklar, wie genau ein solches Mittel definiert ist! Die meisten haben keine Ahnung oder haben nur ein sehr vages Konzept und der Rest betrachtet es als das indizierte chronische Mittel.

An dieser Stelle wäre es hilfreich, zuerst den Begriff "Konstitution" zu definieren, so wie sie vom miasmatischen Gesichtspunkt verstanden wird. Dies verschafft uns den richtigen Blickwinkel dafür, was wir darunter verstehen, wenn wir den Begriff "konstitutionell" verwenden, um ein chronisches Similimum zu definieren.

Ein Individuum besteht aus einem "Psycho-biologischen Apparat" (Biologische Intelligenz, Intellekt, Emotion, Geist), der nach Homöostase strebt und der um die individuellen biologischen, emotionalen und spirituellen Bedürfnisse besorgt ist. Dies entwickelt sich in Übereinstimmung mit einem kodierten genetischen Plan, der sich mit zunehmendem Alter stetig als Reaktion auf Umweltfaktoren weiter entfaltet. Die Person erwirbt (über das Immunsystem oder die PNIE-Achse, d. h. psycho-neuro-immuno- endokrine Achse) ein Potenzial, sich durch die widrigen Umstände zu kämpfen und eine angepasste Balance zum Überleben zu erreichen. Dieser Kampf drückt sich sowohl über äußere  physische Zeichen und Symptome aus, als auch über die Gemütssymptome. Ein homöopathischer Arzt sorgt sich um das Verständnis der charakteristischen Individualität dieses Ausdrucks zum Zwecke der Findung des Similimums.

Eine klare homogene und noch charakteristische Totalität präsentiert sich durch Symptome und Begleiterscheinungen (funktionell und strukturell) mit einer individualisierten Antwort auf verschiedene Umweltfaktoren, die man als Modalitäten kennt. Dies wird auf allen Ebenen ausgedrückt: Körper, Geist und Seele. Dieser homogene Ausdruck für eine angepasste Balance oder Homöostase ist es, was wir als Konstitution eines Individuums definieren.

Nach diesem Konzept ist ein Mittel, welches den erkrankten Zustand dieses konstitutionellen Ausdrucks auf allen Ebenen umfasst: Körper, Geist und Seele, das, was wir als "Konstitutionsmittel" bezeichnen. Es deckt sich notwendigerweise auch mit dem miasmatischen Ausdruck eines Individuums.

Wir müssen hier anmerken, dass frühere Konzepte der "Konstitution" in David Littles Artikel "Hahnemann über Konstitution und Veranlagung" nachgelesen werden können. Sie finden diesen auf seiner Webseite http://www.simillimum.com/

Diathese ist ein übersteigerter Zustand der adaptiven Balance der gesunden Konstitution. Sie ist eine Phase instabiler Balance der Gesundheit, ein übersteigerter konstitutioneller Typ mit krankhaften Tendenzen, welche das Individuum für Krankheit prädisponiert.

Der Krankheitszustand kann in 3 Phasen in Hinsicht auf die Zeit ausgedrückt werden: Die vorsymptomatische Phase --> die Prodromalphase --> der nosologische Krankheitszustand. Diese Tendenz nimmt während der Lebensspanne eines Individuums seinen eigenen Gang, mit sich entwickelnden multimiasmatischen Ausdrucksformen, die schließlich mit dem Tod enden. Der Krankheitszustand ist durch ein fundamentales Miasma angeboren, und im Verlaufe der Zeit ist er eine Aktualisierung dieser von dem vorangegangenen gesunden Zustand abweichenden Tendenz, wobei die Kräfte/Veränderungen der Umgebung nur als Funke oder Auslöser wirken.

Unterdrückung erfolgt auf unterschiedliche Weise (Arzneimittelbedingt, physikalische Kräfte usw.). Wichtig im Verständnis von Unterdrückung ist, was eine Veränderung in die zu erwartende Richtung des Krankheitsprozesses induziert. Diese Veränderung steht im Gegensatz zu dem Heilgesetz (Hering). Es gibt eine direkte Verbindung zwischen den Veränderungen der Krankheitsentwicklung durch Unterdrückung und dies resultiert in Krankheitsbildern wie: 
Einseitige Krankheiten, alternierende Zustände, komplexe Krankheiten, langsame Konvaleszenz und langwierige Rekonvaleszenz, Suchtkrankheiten, periodische oder episodische Krankheit, symptomarme Krankheiten, akut ausbrechende Krankheitserscheinungen, usw. dar. Der einzige Weg, einen unterdrückten Fall als geheilt zu beurteilen ist, indem man der richtig verstandenen Heringschen Regel in einer gut aufgenommenen und vollständigen Krankengeschichte folgt.

Der Versuch des ICR Symposiums war es, diesen phänomenologischen Gesichtspunkt auf das Studium Hahnemanns "Theorie der Chronischen Krankheiten" anzuwenden und ihn auf die Dimension der Zeit zu projizieren. Zusätzlich wird die Entwicklung dieses Forschungshilfsmittels für die Wiederentdeckung der verlorenen Dimension der Zeit für die homöopathische Materia medica ein revolutionärer Ansatz sein, das System der Homöopathie in einen UNIVERSALEN Ansatz für die Behandlung (prophylaktisch, heilend und palliativ) der Krankheitsreaktion in allen psycho-biologischen Systemen zu übertragen.

Wie vorher bereits erwähnt, erfolgt der Krankheitsverlauf in einem Individuum aufgrund zweier Hauptursachen:

1. Umweltfaktoren: physikalische (Sonne, Mondenergie, Strahlung, usw.), chemische ((Arznei)Drogen, Metalle, berufsbedingte Gefahren, usw.), biologische (Bakterien, Pilze, Impfungen, usw.), soziokulturelle, emotionelle, spirituelle.
2. Die fundamentalen, die Krankheit unterhaltenden Ursachen: Die Miasmen - Psora, Sykose, tuberkulinisches und syphilitisches Miasma.

Während die Umweltfaktoren als kausative Modalitäten selten unserer Kontrolle unterliegen, so haben wir mit unseren Mitteln doch die Möglichkeit, die krankheitsfördernden Ursachen durch unser Verständnis der Miasmen zu modifizieren. Was wir in den folgenden Zeilen zu erfassen versuchen ist, wie wir den (vorherrschenden) miasmatischen Ausdruck in der Krankheitsentwicklung in einem Individuum erkennen. Und weiter noch, wie gehen wir vor, wenn wir diesen Fall therapeutisch behandeln, um wahre Heilung der chronischen Krankheit zu erreichen. All dies MUSS innerhalb einer klaren Wahrnehmung des zeitlichen Ausdrucks der Krankheit eines jeden Falles verstanden werden - gerade so, wie Hering es formuliert hat.

Die Evolution von KRANKHEIT geht:

1. Von der Peripherie zum Zentrum.
2. Von der Oberfläche in die tieferen Bereiche.
3. Von den weniger lebenswichtigen zu den lebenswichtigeren Organen.
4. Vom Charakteristischen zum Allgemeinen.
5. Von den subjektiven zu den objektiven Symptomen.

Die HEILUNG findet daher notwendigerweise gemäß der Heringschen Regel über die Heilungsrichtung statt, welche vom Zentrum zur Peripherie, von innen nach außen, von oben nach unten, von Organen höherer Bedeutung zu Organen geringerer Bedeutung erfolgt, ALLES innerhalb des Rahmens der UMGEKEHRTEN chronologischen Reihenfolge zu ihrer Entstehung (ein klarer Ausdruck der Dimension der Zeit).

Wahre Heilung beinhaltet zusätzlich eine Ausrichtung der biologischen Intelligenz und des Emotionen-Verlangen nach-Komplexes durch den vom Geist beherrschten Intellekt.

Die 4 großen miasmatischen Konstitutionen der Psora, Sykose, Tuberkulinisch (Pseudo-Psora), Syphilis sind, wie bei allen klassifizierenden Systemen, idealisierte, repräsentative Typen. Diese miasmatischen Zustände existieren nicht in ihrer reinen Form, weder in physischer noch in emotionaler Erscheinung, das Leben ist immer eine Mischung. Wenn wir diese Einschränkung der Klassifizierung verstanden haben, dann können wir sie als praktisches Werkzeug für unsere Behandlung verwenden.

PSORA

Überempfindlichkeit und Reaktionsfähigkeit als Antwort auf Umweltreize sind die Kennzeichen des psorischen Miasmas. Das System passt sich in Richtung eines gesunden Gleichgewichts durch schnelle, sofortige und angemessene Aktivierung der körpereigenen zur Verfügung stehenden natürlichen Schutzmechanismen an und kehrt dann in die Normalität zurück. Ein klares Beispiel ist, wie einfach entzündliche Prozesse ohne Eiterung und Rückstände alle lästigen Auswirkungen schnell auflösen. Das heutige Pathologiestudium zeigt uns klare Details eines normalen akuten entzündlichen Prozesses, und dies ist es, um was es bei der Psora geht.

Die lästigen Auswirkungen sind auf diese Weise auf die Ebene der Haut und ihre Anhangsgebilde beschränkt, auf die Schleimhäute und auf die Ebene des Gemüts. Die charakteristischen und klassischen Hautausschläge und Absonderungen sind Manifestationen der primären Psora und sie sind idealerweise etwas, was man während der Kindheit eines Patienten vorfindet.

Wenn diese Ausdrucksformen aufgrund unterdrückender Maßnahmen (allopathische Medikamente, homöopathische Linderung oder Unterdrückung, physikalische Wirkstoffe) blockiert werden, gibt es eine progressive Internalisierung der Störung hin zu lebenswichtigeren Organen (des Stoffwechsels, der Ernährung, der Drüsen, des retikuloendothelialen Systems, des Herz-Kreislauf-Systems, des ZNS). Dies ist die sekundäre psorische Ausdrucksform, deren Haupteigenschaft funktionelle Veränderungen mit minimalem strukturellem Umbau ist, die alle reversibel sind. Diese funktionellen Veränderungen schließen Koordinationsverlust und ein gestörtes Gleichgewicht von Funktionen, Fähigkeiten und Prozessen der PNIE (Psycho-Neuro-Immuno-Endokrine) Achse ein, das Symptome der Blutstauung, Dyskinesien von Organen und Systemen und Ernährungsstörungen unterschiedlicher Art verursacht.

Hahnemann selbst hat uns eine große Anzahl psorischer Ausdrucksformen von Symptomen in 'Die Theorie der Chronischen Krankheiten' vorgelegt. Wenn man diese Liste von einem medizinischen Standpunkt aus untersucht, sind all diese miasmatischen Symptome funktioneller Natur und folgen den meisten der vorher erwähnten Indikationen von psorisch miasmatischer Ausdrucksform. Mit unserem Verständnis für die Krankheitsentwicklung werden wir sehen, dass wenige dieser Symptome idealerweise zu den Krankheitsgruppen der sykotischen oder tuberkulinischen oder kombinierten Miasmen gehören.

Der Artikel über Personality Types of Miasms von George Loukas (Persönlichkeitstypen der Miasmen; er wird demnächst in übersetzter Form auf dieser Webseite zur Verfügung stehen; Anm. des Übersetzers) befasst sich hinreichend mit dem Gemütsausdruck der Psora.

Ich möchte eher Zeit damit verbringen, die klinischen Zustände auf der körperlichen Ebene aufzuzählen, die auf ein zugrunde liegendes psorisches Miasma hindeuten, da sie sehr verlässliche Fakten für einen vorherrschenden Ausdruck des psorischen Miasmas sind, wenn sie in der Hauptbeschwerde vorkommen:

  • Das sympathische Nervensystem ist im Kontrast zum Parasympathischen überaktiv. Die endokrinen Drüsen, vor allem die Schilddrüse, sind angeregt.
  • Schilddrüsenüberfunktion ohne Kropf
  • Labiler Bluthochdruck unter emotionalem Stress
  • Mangelerscheinungen (Mineralien, Enzyme, Vitamine, Salze), die eine Substitutionstherapie erfordern.
  • Trockenheit von Schleimhäuten und der Haut
  • Ovarielles Ungleichgewicht, das zu funktionalen menstruellen Beschwerden führt.
  • Beißende nicht infektiöse Leukorrhöe mit emotionalem Hintergrund
  • Das vegetative Nervensystem kontrolliert die Visceralorgane (gastrointestinaler Trakt und Begleitorgane, Atmungssystem, Herz-Kreislauf-System und Urogenitalsystem), und daher sind funktionale Störungen psorischer Natur.
  • Malabsorption, Assimilationsstörungen, Unterernährung
  • Impotenz, Sterilität, Vaginismus
  • Sensibilisierungsreaktionen und allergische Reaktionen
  • Auf der muskulären Ebene: Spasmen - emotional und hysterisch
  • vikariierende und kongestive Blutungen
  • Überempfindlichkeitsreaktionen nach Impfungen

Es ist diese psorische Überempfindlichkeit, die für die individuellen Züge von Verlangen, Abneigungen, Begleiterscheinungen und Reaktionen auf Umwelteinflüsse und Zeit verantwortlich ist, welche die homöopathische Verschreibung leiten.

Nun ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass sich die Psora mit dem Beginn der Sykose, des Tuberkels und der Syphilis zurückentwickelt; sie besteht begleitend weiter, mit variierendem Verlauf und variierender Intensität.

Wenn man sich dessen bewusst ist, sind wir in der Lage anzuerkennen, dass die Hahnemannsche Totalität daher ein sich entwickelndes Etwas ist, das sich selbst durch die vier miasmatischen Ausdrucksformen im Raum ausbreitet. Die Fähigkeit, diese parallelen Ausdrucksformen wahrzunehmen, ist unser Ziel in der klinischen Behandlung.

SYKOSE

Ein überstimuliertes, überempfindliches und reaktionsfähiges System, das unter ständigem Bombardement widriger Umwelteinflüsse steht, wird in Verwirrung getrieben. Daher erfolgt eine Verlangsamung der Aktivitäten mit reduzierter sympathischer Aktivität und gesteigerter parasympathischer Aktivität. Nun scheint das System die Kontrolle zu verlieren, was zu ineffizienten und anomalen Immunreaktionen und zu ineffizienten Stoffwechselprozessen führt, was schließlich zu einem System mit zunehmender Trägheit führt. Die akute entzündliche Reizantwort hat sich in eine chronische entzündliche Reizantwort gewandelt, die auf lange Sicht langsam und unzulänglich ist.

Wie ich im ersten Teil dieser Serie erklärte, hinterließ Hahnemann eine große Lücke in seiner Beschreibung der sykotisch miasmatischen Ausdrucksform. Es scheint wahrscheinlicher zu sein, dass sich die Sykose über Jahrhunderte hinweg unter unterdrückenden Behandlungen ebenfalls in ein vielköpfiges Monster entwickelt hat. Eine offensichtliche Extrapolation des sykotischen Zustandes ist, dass das System, das in die Lethargie gedrückt wurde eine Reaktion aufweist, die Energie zu sparen sucht oder langsame (anomale) Schutzmechanismen gegen widrige Umwelteinflüsse schafft.

Daher möchte ich mir etwas Zeit für die klinischen Ausdrucksformen des sykotischen Miasmas nehmen, sodass wir seine körperlichen Ausdrucksformen in unseren Falldarstellungen leichter erkennen können:

Allgemeine Ausdrucksformen:

  • Anämie, nicht beeinflussbar durch blutbildende Mittel
  • Unangemessene und unerklärliche Schwäche, verschlimmert durch Unterdrückung von Absonderungen.
  • Langsamkeit, Stumpfheit, Trägheit aller Vorgänge auf den Ebenen des Intellekts, der Emotionen und des Körpers.
  • Anomalien des reticuloendothelialen Systems in der Erkennung von eigen und fremd, was zu übermäßiger und unkontrollierter Proliferation von Gewebe führt.

Die veränderten Gemütsausdrücke werden in dem Artikel von George Loukas detailliert beschrieben.

Veränderte körperliche Ausdrucksformen:

Die körperlichen Reaktionen sind unregelmäßig, wandernd, plötzlich, spasmodisch (Krämpfe, Koliken, Asthma) und sie sind leichte metastatische, nicht eiternde Entzündungsreaktionen. Metastatisch bedeutet, dass entzündliche Prozesse in Organen chronisch weiterbestehen, entfernt von dem Gebiet, in dem die Infektionen stattgefunden haben. Das Kennzeichen des sykotischen Ausdruckes ist eine Tendenz der Hypertrophie (benigne Tumore) und von Ansammlung von Flüssigkeit (Zysten, Schwellungen) bei jeder Krankheitsaktivität im Körper. Dies sind Ausdrücke von Trägheit und Schwerfälligkeit verschiedener Stoffwechselvorgänge, von Bio-Feedback-Mechanismen und einer allgemeinen Laxheit der Systeme.

· Ein Ungleichgewicht des Nebennierenrindenhormons verursacht Pigmentationen der Haut, Muttermale, Naevi, Leberflecken, Sommersprossen, Pigmentation am Jochbein.

· Geringe Widerstandskräfte gegen infektiöse Stimuli führen zu chronischen Entzündungen der Haut, der Schleimhäute (Katarrhe), der serösen Häute und der Drüsen, mit Verhärtungen, aber ohne Eiterungen.

· Sykotische Ausflüsse sind typischerweise beißend, dick, grün-gelblich, nicht zu entfernen (z.B. aus Bettwäsche), von saurem oder fischartigem Geruch. Öliger, gelb färbender Schweiß.

· Hautausschläge sind in den tieferen Hautschichten und schließen auch die Talgdrüsen mit ein. Die verdickte seborrhoische Haut ist empfänglich für sekundäre Infektionen, die zu Zuständen wie Sycosis barbae führt.

· Unterdrückung der Hautausschläge und der Ausflüsse lässt sich den Patienten schlechter fühlen und das sykotische Miasma wandert tiefer. Der gonorrhoische Ausfluss ist eine Indikation dafür, dass Unterdrückung zu chronischen Entzündungen in lokalen als auch in entfernteren Bereichen (Metastasen) führt. Unspezifische Urethritis und Reiters Syndrom können Indikationen für ein solches Wandern sein.

· Diese Entzündungsart ist ein Beispiel für eine anomale Immunantwort, wobei Gewebe durch Antigen-Antikörper-Reaktionen geschädigt werden.

· Schwangerschaftstoxikose, bei der Schäden an den Kapillarwänden zu Exsudaten mit einer Mobilisation von Entzündungszellen und zu Kollagenschäden führen.

· Rheumatoide Arthritis mit anomalen Globulinprozessen fällt ebenfalls in diese Kategorie.

· Anomales Haarwachstum sowie allgemein als auch lokal.

· Ein erhöhter parasympathischer Tonus, der zu einem allgemeinen Nachlassen der Aktivitäten der Endokrindrüsen führt, reflektiert sich in einem Ansteigen der anabolischen Prozesse und dem Nachlassen katabolischer Vorgänge.

· Speicherung von Natrium und Wasser (hydrogenoide Konstitution). Fettleibigkeit, Hypertrophien von Geweben und Organen (einfache Tumore).

· Menstruelle Unregelmäßigkeiten mit prämenstrueller Retention und Schwellung der Mammae.

· Hoher Harnsäurewert, hoher Cholesterolwert, anomaler Fettstoffwechsel führen zu Cholesterol- und Lipoproteinablagerungen in Blutgefäßen.

· Bluthochdruck, der aus einer Schädigung des Gefäßbetts der Nieren und aus einer Salz- und Wasserretention resultiert.

· Steinbildung und Ablagerung von Kalzium in normalen Geweben.

· Koliken, die durch das Liegen auf dem Bauch und der Knie-Brust-Lage gelindert werden.

· Gichtige Zustände, die bei einem Hang zu Essen und Wein zunehmen.

· Schmerzen an den Ansätzen langer Sehnen, Muskelschmerzen, rezidivierende Fibrositis in großen Muskeln – alle sind sie Ausdrucksformen der gichtig-rheumatischen Konstitutionen. Sie alle tendieren dazu, sich bei kalt-feuchtem Wetter und bei Ruhe zu verschlechtern.

· Der Verlust des fibromuskulären Tonus führt zu einer Verlagerung aller Organe, dem Kollabieren des Fußgewölbes, sakroilialer Spannung, Entspannung von Blutgefäßen (Varizen).

· RES (Reticulo-Endotheliales System) -Störungen führen zu Tumorbildung, zumeist gutartiger Natur mit einer Tendenz zur Malignität.

TUBERKULINISCH

Dieses träge System, mit seinen anomalen, allergischen, hypertrophischen, spasmodischen Reaktionen, das Energie gespart hat, unternimmt nun einen letzten, verzweifelten Versuch um zu überleben und trotz der allgegenwärtigen widrigen Umweltfaktoren zur Normalität zurückzukehren. Dies ist eher ein Ausdruck 'verstärkter' Mobilisierung geringer Resourcen als die Vitalität der psorischen Phase, und es ist ein Anzeichen dafür, dass man sich der finalen Zerstörung nähert. An diesem Scheideweg erkennen wir das tuberkulinische Miasma.

Einer der deutlichen Hintergründe eines tuberkulinischen miasmatischen Ausdrucks ist eine starke vererbte Diathese. Die Tuberkulose existiert in der Familiengeschichte oder in der vergangenen Geschichte. In diesen Fällen, wenn man sie analytisch studiert, findet sich häufig eine direkte Entwicklung aus der psorischen in die Ausdrucksform des tuberkulinischen Miasmas, mit minimaler sykotischer Projektion.

Alle tuberkulinischen Ausdrucksformen werden als 'gesteigerte Psora' angesehen, in der die hyperaktive Phase verlängert ist.

Es kommt viel nervöse Gereiztheit vor, die sich auf Unruhe und Angst auf der körperlichen und geistigen Ebene bezieht. Lesen Sie Einzelheiten zu dem Gemütszustand in George Loukas Artikel nach.

Körperlich:

  • Wir sehen spasmodische Auswirkungen, Epilepsie, Zähneknirschen.
  • Die Überstimulierung des sympathischen Nervensystems führt zu gesteigertem Katabolismus, eingeschränktem Anabolismus, schwacher Assimilation und Anämie. Überaktivität der Schilddrüse, Hyperthermie, hektisches Fieber mit Nachtschweißen und ein Ende mit bedrohlicher Schwäche.
  • Starkes Schwitzen mit muffigem, vermodertem Geruch
  • Ausmergelung mit richtigem Heißhunger
  • Diabetisches Syndrom
  • Aufgesprungene Haut und Fissuren
  • Frühzeitiges Ergrauen der Haare
  • Bildung von Pusteln, leicht eiternde Prozesse, die zu Vernarbungen führen.
  • Lupus
  • Verlust elastischen Gewebes.
  • Die Stimulation des RES führt zu einer Vergrößerung und Verhärtung von Drüsen
  • Allgemeine Lymphadenopathie, weiche seidene Behaarung entlang der Wirbelsäule, dünne blasse Haut, schlanker Körper und lange Finger, weiße Punkte auf den Nägeln, extrem regelmäßige Zähne, alles ist Ausdruck der tuberkulinen Konstitution oder Diathese.
  • Die allgemeine Schwäche verursacht leicht eine Anfälligkeit gegenüber biologischer Umgebung: Bakterien (bes. Tuberkel), Viren, Parasiten (E. hystolytica, G. lamblia), Pilze. Sie verursachen chronische Entzündungen der Haut, der Schleimhäute, der serösen Membranen, der Unterhautbindegewebe usw.

Die charakteristischen Reaktionen tuberkulinisch miasmatischer Infektionen sind:

  1. Verzögerte Besserung und langsame Erholung
  2. Schnelles Eitern und verzögerte Heilung
  3. Heilung durch Fibrosis, Narbenbildung, Narben brechen häufig auf
  4. Diabetische Beschleunigung dieser Prozesse
  5. Verringerter Widerstand gegenüber einer Tuberkelinfektion nach Atemwegsinfekten oder anderen Infektionen.

Der tuberkulinische Prozess wird pathologisch mit chronischer Entzündung erklärt, die mit Verhärtung, nachfolgender Erweichung, Abszessbildung und nachfolgender Fibrosis endet. Narbenbildung des runzligen Typs mit der Tendenz leicht aufzubrechen. Die Absonderungen sind auch charakteristisch: käsig, blutig, Geruch - muffig, modernd, Geschmack: süßlicher Auswurf.

Eine ähnliche Pathologie findet sich auch bei anderen Zuständen: Hodgkinsche Krankheit, Boecksches Sarkoid, Pneumokoniose, Berylliumvergiftung und Crohnsche Krankheit. Sie alle sind Ausdrucksformen des tuberkulinischen Miasmas und sollten entsprechend behandelt werden.

SYPHILITISCH

Die ausgedehnte Entwicklung des miasmatischen Krankheitsausdrucks endet schließlich mit dem syphilitischen Ausdruck, der durch Zerstörungen auf allen Ebenen gekennzeichnet ist.

Treponema pallidum, die klinische Ursache der Krankheit Syphilis, ist eine typische Ausdrucksform der syphilitischen miasmatischen Erscheinung.

Einige der Indikatoren, die eine syphilitische Diathese in der vergangenen - oder Familiengeschichte nahe legen, sind:

  • Geschichte oder Anzeichen klinischer Syphilis
  • Wiederholter Abort oder Fehlgeburten, Totgeburten, neonataler Tod, fötale Missbildungen, Plazenta praevia, vesikuläre Muttermale, Schwangerschaftstoxikose
  • Krebs
  • ektopische Gewebe (Bauchhöhlenschwangerschaft, Mammae, Schilddrüse, Endometrium des Uterus)

Dies bedeutet, dass, wenn ein Patient eine Symptomatologie aufweist, die den klinischen Zügen der klassischen Syphilis ähnelt, wir auf die Anwesenheit einer starken syphilitischen Diathese schließen können. Wenn es dafür einen deutlichen erblichen oder geschichtlichen Hintergrund gibt, dann wird das syphilitische Miasma sehr früh im Leben hervorgerufen werden, auch wenn die Phasen aller anderen Miasmen ausgedrückt werden, wie flüchtig auch immer sie nach der Geburt und sogar intrauterin sein mögen. Dies erklärt, wie eine kurze Phase des psorischen Ausdrucks plötzlich auf einen syphilitisch miasmatischen Ausdruck überspringen kann, wie terminale Malignität bei Kindern oder angeborene Missbildungen.

Gewalt ist durch und durch das Kennzeichen der syphilitischen Reaktion. Sie ist irrational, unangemessen, unerbittlich auf Zerstörung in allen Ebenen zutreibend, vom Geist bis zum Intellekt, die Emotionen genau so betreffend wie den Körper. Da findet sich eine Unterminierung von Werten im Leben, wo Grundimpulse absolut vorherrschen. Manische Psychosen, psychopathische Persönlichkeiten, kriminelle Neigungen, moralische Lasterhaftigkeit usw. sind Beispiele dieser Zerstörung. Für weitere Details möchte ich wiederum auf den Artikel über "Persönlichkeitstypen" verweisen.

Die Gewalt und Zerstörung auf der körperlichen Ebene sind verlässlichere Indikatoren eines miasmatisch überwiegend syphilitischen Ausdrucks. Dies drückt sich in der folgenden Symptomatologie aus:

Haut, Haare, Nägel:

Schuppige kupferfarbene Hautausschläge
Jucken, < in der Nacht
Risse, Fissuren, Geschwüre mit Verhärtungen.
Absonderungen sind faulig, blutig, beißend.
Alopezie
Verlust elastischen Bindegewebes

Muköse und seröse Membranen:
Akute und chronische Katarrhe mit typischen blutigen, fauligen Absonderungen mit nekrotischen Knochen- oder Knorpelstücken.
Otitis media mit Nekrosis der Gehörknöchelchen
Mastoiditis mit einem Abszess, der zu Karies des Mastoids führt.
Entzündliche Prozesse, die zu Verhärtung und Geschwüre und Gangrän führen, aber kaum zu Eiterbildung.
Toxämie und maligne und schnelle Ausbreitung von Infektionen und Entzündungen.

Skelettsystem/Zähne:
Nekrose dieser Strukturen führt zu verkrüppelten Deformitäten von Gelenken. Osteoarthritis mit Knochenauswüchsen ist in erster Linie syphilitisch (Degeneration) und in zweiter Linie sykotisch (neues Knochengewebe).
Zahnkaries bevor der Zahn durchbricht, Knochenschmerzen und Schmerzen des Periosts in der Nacht, gebessert durch kühle Anwendungen und Bewegung.
Osteoporose, die zu Knochenbrüchen und Deformitäten führt.

Geschwüre, die fibrotisch unter Narbenbildung und entstellend abheilen, wie bei Acne vulgaris oder Impfungen.

Augen: Eintrübung der Kornea, ungleiche, deformierte Pupillen nach chronischer Entzündung der Iris.

Degeneration und Atrophie von Geweben und Organen, die in Verlust ihrer Funktionen und ihrer Fähigkeiten endet. Dies geschieht auf 2 Wege:

1. Direkter zellulärer Schaden

2. Gefäßverödende Arthritis mit ihrem resultierendem Schema. Eine syphilitische Dimension des atherosklerotischen Prozesses. Weitere assoziierte Komplikationen von Blutungen und thromboembolischen Phänomenen. Gefäßerweiterung mit Aneurysmen ist das Ergebnis des Verlustes von elastischem Bindegewebe.

Nerven/Gehirn/Rückenmark:

Degeneration und Atrophie neuronaler Zellen, bei Axonen und Myelinschichten führt dies zu degenerativen Erkrankungen des Rückenmarks, so wie bei Krankheiten wie der amyotrophen Lateralsklerose, Bourneville-Krankheit. Lähmungen kommen als Folge von Ischämien, degenerativen Stoffwechselzuständen vor. Verlust intellektueller Funktionen, Gedächtnisverlust, Unfähigkeit zu denken, zu verstehen oder zu lernen (Alzheimersche Krankheit), cerebrovaskuläre Ereignisse, wo eine Degeneration von Gehirngewebe vorliegt.

Autoimmunerkrankungen: Diese enden in der syphilitischen Ausdrucksform, wenn Organdegeneration oder Funktionsverlust vorliegt, obwohl frühere Phasen eher sykotisch oder tuberkulinisch sein können.

Gewebsneubildung: Präkanzeröse Zustände müssen so angesehen werden, dass eine syphilitische Diathese vorliegt, und häufig muss die Behandlung mit antisyphilitischen Mitteln begonnen werden. In fortgeschrittenen Stadien von Krebs, wo Gewebezerstörung und Funktionsverlust bereits stattgefunden haben, betritt man die Stufe des syphilitisch miasmatischen Ausdrucks. Sich schnell entwickelnde Krebsformen (galoppierender Krebs), Krebsformen, die sich in jungem Alter entwickeln, oder solche, die sich aus sehr frühen Präkursor- (Stamm-)Zellen entwickeln, sind alle Zeichen des syphilitischen Miasmas.
Die syphilitische Diathese schließt mit ein:

Leukoplakie, atrophe Gastritis (verbreitetste Ursache: perniziöse Anämie), submuköse Fibrosis, Atrophie der Schleimhäute des Mundes, des Rachens und der Speiseröhre (Plummer-Vincent-Syndrom), Pagetsche Krankheit der Brustwarzen, Kraurosis vulvae, Acanthosis nigricans, usw.

KOMBINIERTE MIASMEN

Eine Krankheitsreaktion entwickelt sich mit der Zeit und ist ein multimiasmatischer Prozess. Jedes Individuum zeigt häufig einen kombinierten miasmatischen Krankheitsausdruck in jeder möglichen Reihenfolge und Kombination. Aber zu einem definierten Zeitpunkt herrscht immer ein miasmatischer Ausdruck vor. Wenn ein Praktiker die Fallanamnese gewissenhaft aufzeichnet, dann wird er die Entwicklung des Krankheitsausdrucks bemerken. Es sind die charakteristischen Begleiterscheinungen zu einem bestimmten Zeitpunkt, die für die Ermittlung des Similimums in jedem Fall wesentlich sind. Selten finden wir es, dass ein Mittel durch sämtliche Phasen läuft. Eine vollständige Analyse aller Einzelheiten wird dem guten und wissenden homöopathischen Arzt einen klaren Plan davon aufzeigen, was ihn in der Zukunft im Sinne der Arzneimittelwahl erwartet.

Eine miasmatisch zuverlässige Totalität kann man aufbauen, indem man geduldig dafür sorgt, dass die Daten der gesamten Lebensgeschichte des Patienten gesammelt werden, man die chronologischen Aspekte in sauberer Reihenfolge neben allen anderen Aspekten hervorhebt und in der Arzneimittelwahl betont. Dies alleine erlaubt das vollständige Planen und Programmieren der homöopathischen Behandlung, gleich von Anfang an. Dies schließt die Diagnose für die Erstverschreibung ein, die akuten Totalitäten einschließlich des entsprechenden Mittels für jede, die chronische Totalität und die zwischenzeitlich auftretenden Totalitäten, die auf der miasmatischen Prädisposition beruhen, welche nicht über das Hauptmittel, das gutgewählte Konstitutionsmittel, abgedeckt sind.

Dr. KN Kasad warnt davor, dass die meisten Versäumnisse auf dem Gebiet der miasmatischen Behandlung wegen unserer Vorliebe für Stückwerk begangen werden, Teiltotalitäten wegen einer 'konstitutionellen Aversion gegen Arbeit' benutzt werden, was über die Jahre eine immense Kapazität besitzt, das beste klinische Urteilsvermögen zu zerstören! :)

Klinische Behandlung basierend auf der Entwicklung des Krankheitsausdrucks

Vom akuten Krankheitsausdruck wissen wir, dass:

  1. Akute Krankheiten (unähnliche Krankheit) innerhalb des Verlaufs chronischer Krankheiten vorkommen, oder
  2. Akute Krankheiten eigentlich eine akute Verschlimmerung einer chronischen Störung sind, oder
  3. Ausdrucksformen der akuten Phase einer periodischen Krankheit, z. B. von Asthma, sind.

Bei Typ 1 wird ein Akutmittel benötigt, wenn es seine Wirkung vollendet hat, werden die konstitutionellen Symptome deutlicher und dann ist das konstitutionelle Mittel indiziert. Eine voreilige Verschreibung des konstitutionellen Mittels würde eine Erstverschlimmerung der akuten Symptome hervorrufen und so sehen wir, wie wichtig das Zeitelement für einen Arzt ist.
Die Typen 2 und 3 benötigen in der Mehrzahl der Fälle nur das chronische oder konstitutionelle Mittel, um die Krankheit zu kontrollieren und in Richtung Heilung zu bewegen.

Die Krankheitsentwicklung: Verständnis und Behandlung eines Scharlachfalles

Für das Verständnis darüber, welche die verschiedenen Aspekte sind, die eine homöopathische Behandlung bei sich rasch ändernder Pathologie bei akuten und ernsthaften Erkrankungen ausmachen, folgt nun die Behandlung von Scharlach (von Dr. Kasad zur Verfügung gestellt), das sich in einer Person entwickelt, wobei die eigentliche Ursache kombiniert zugrunde liegende Miasmen sind. Kombinierte Miasmen und vorangegangene unterdrückende Behandlungen sind die Ursache dafür, weshalb Krankheiten während der Behandlung Komplikationen entwickeln. Diese Komplikationen sind in modernen Lehrbüchern der Medizin reichlich dokumentiert.
Für jene, die sich ernsthaft dafür interessieren, dass die Homöopathie in der Zukunft ein System der Medizin im Einklang mit der klinischen Behandlung wird,  mag es interessant sein, die Nuancen der klinischen Behandlung zu begreifen, wie sie im Folgenden detailliert beschrieben werden.

Scharlach manifestiert sich sowohl als Streptokokkeninfektion (psorisch/tuberkulinisch), als auch als Entzündungsreaktion in entfernteren Organen (Sykose). Die RES-Reaktion auf die allgemeine Anwesenheit der Erreger im Körperinneren ist das Ausscheiden der Toxine über die Haut, um innere Organe (Niere, Herz) vor Schaden zu schützen.

 

  • In der ersten akuten Erkrankungsphase bestehen Halssymptome, die ein akutes homöopathisches Similimum, das häufig wiederholt wird, benötigen, in hoher Potenz, als in Wasser aufgelöste Gaben. Dies würde die Infektion vorzeitig beenden.
  • Aber in der Phase, wenn sie sich festgesetzt hat (falls die Halssymptome unterdrückt wurden), dann muss man für die Interpretation der Krankheitsreaktion größte Vorsicht walten lassen. Dies ist eine Phase der Verschlechterung. Jegliche Symptomatologie, die in Richtung einer generalisierten Reaktion des RES hinweist, im Gegensatz zu der (oben erwähnten) akuten Phase, zeigt an, dass das nun benötigte Similimum nun auf die chronische Totalität und nicht auf die akute Totalität abgestimmt werden sollte. Auch hier wird das chronische Mittel in häufiger Wiederholung benötigt, um mit der Krankheit Schritt zu halten und um das RES zu unterstützen, die Toxine auszuscheiden.
  • Die nächste Möglichkeit, klinisch gesehen, ist, dass sogar diese Phase der allgemeinen Manifestation in der Haut unterdrückt wird und innere Organe (Herz und Nieren) bereits anfangen, Schaden zu nehmen, weil Antigen-Antikörper-Komplexe lokale Symptome auf der Ebene dieser Organe verursachen (sykotisch). Nun wir wieder eine akute Totalität entsprechend der Organschädigung aufgeworfen und der alarmierte homöopathische Arzt nimmt dieses flüchtige Phänomen auf. Die Totalität hier kann entweder auf ein akutes Similimum oder auf ein spezifisches Organmittel zeigen, um den Schaden an den inneren Organen vorzeitig zu beenden.
  • Wenn dies getan ist, reist der Patient laut Herings Gesetz in der Zeit zurück, und die chronische Totalität wird wieder aufgeworfen, diesmal auf eine gemächlichere Weise, was dem Arzt genug Zeit lässt, das konstitutionelle chronische Mittel zu finden. Wenn diese Stufe jedoch verpasst wird, dann bewegt sich der Patient wieder zurück in die akute Organtotalität, was zu schwerer Zerstörung und ernsthaften Folgen führt (tuberkulinisch/syphilitisch).
  • Das konstitutionelle Mittel muss weiter verabreicht und häufig wiederholt werden, bis alle Laborparameter und die klinisch-pathologischen Anzeichen und Symptome eine vollständige Umkehr in Richtung des gesunden Zustandes gezeigt haben. Wenn man das Mittel vorzeitig stoppt, dann lässt dies den Fall wieder außer Kontrolle geraten, in eine Verschlechterung hinein. Der Arzt muss gleichzeitig über die Sensitivität der Reaktionen des Patienten am Ball bleiben. Die Empfindlichkeit lässt bei weiterer Verschlechterung und Organschädigung nach und dies verlangt während der akuten/subakuten Phasen nach weiterer häufiger Wiederholung des Mittels in höherer Potenz.

Sowie der Patient sich nach Herings Heilgesetz zu bessern beginnt, ist die Empfindlichkeit wieder hergestellt und es muss eine entsprechende Erniedrigung der Stimulierungsfrequenz stattfinden. Gleichzeitig muss der Arzt die miasmatischen Blockaden in der weiteren sanften Besserung des Patienten wahrnehmen (basierend auf dem Ausdruck der miasmatischen Symptome, wie oben genau beschrieben). Diese würden die spezifische anti-miasmatische Nosode oder Mittel erfordern, bevor das chronische Mittel wieder fortgesetzt wird.

Wir können hier sehen, dass das Phänomen dieser Krankheit für einen wissenschaftlichen homöopathischen Arzt eins ist. Keine akute oder chronische Krankheit als getrennte Entitäten. Dies sind nur 2 Phasen in demselben Prozess, wenn sie in ihrer zeitlichen Entwicklung wahrgenommen werden.

Nochmals zu Hahnemanns Chronische Krankheiten:

Wie ich in dem Abschnitt über miasmatische Geschlechtskrankheiten im ersten Teil dieser Serie erwähnte:

"Was wichtig ist, sich (für ein künftiges Verständnis) von den obigen Details zu merken, ist, dass die Veränderung des Zustandes in das syphilitische Miasma nur möglich ist, wenn eine Veränderung des Wirt-Faktors vorliegt - 'das ganze Sein hat sich in einen gänzlich venerischen Menschen gewandelt'. Die Wichtigkeit ist hier von zweifacher Art:

  1. Es muss ein prädisponierender Wandel des ganzen Seins (Körper, Geist, Seele) in einen venerischen Ausdruckstyp (syphilitischer miasmatischer Ausdruck) stattgefunden haben, damit es einen körperlichen Ausdruck mit dem Symptom des Schankers oder, offen gesagt, der Syphilis geben kann.
    Dies ist besonders wichtig, da wir heute sicher wissen, dass von allen Menschen, die direkt mit einer infektiösen Person in Kontakt kommen (durch Geschlechtsverkehr), nur 30-50% dieser Menschen jemals Symptome der Syphilis entwickeln werden. Die Erklärung hierfür liegt in Hahnemanns Konzept über den miasmatischen Hintergrund und dem homöopathischen Konzept über Empfänglichkeit.
  2. Noch vor dem syphilitisch miasmatischen Ausdruck existiert ein darunter liegender psorisch miasmatischer Ausdruck, der weit entwickelt sein kann (innere Organe einschließend), d. h., er ist entweder aktiv oder latent.

Wir sehen, wie die Konzepte des ICR Symposiums gut Hahnemanns Beobachtungen folgen.

Erstens. Der miasmatische Ausdruck ist nicht nur eine Reflexion der Krankheit, die durch einen infektiösen Organismus verursacht wird. Wenn dies der Fall wäre, dann würde jeder Organismus sein eigenes "Miasma" verursachen! Das wäre ein falsches Verständnis dessen, was Hahnemann mit miasmatischem Ausdruck gemeint hat. Der Krankheitsausdruck fällt an einem bestimmten Zeitpunkt deutlich in eine der vorher genannten Hauptgruppen, und basiert auf dem symptomatischen Ausdruck, der sich gleichzeitig auf den Ebenen des Intellekts, der Emotionen und des Körpers zeigt. Der zu einem Zeitpunkt dominante miasmatische Ausdruck eines bestimmten Individuums hat wenig mit dem spezifischen infektiösen Organismus (Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten) zu tun.

Zweitens. Der miasmatische Ausdruck oder Prädominanz ist ein dynamischer und physischer Ausdruck der Krankheit zu einem bestimmten Zeitpunkt der Krankheitsentwicklung, und basiert auf feste, faktische Zeichen der Symptome, und sollte klar von jeder anderen Basis, in der der Begriff Miasma benutzt wird, unterschieden werden. Man muss vorsichtig damit sein, den Begriff "Miasma" zu miss/gebrauchen, insbesondere wenn moderne Denker ihre Interpretationen und Vorschläge beitragen, die auf das Konzept der Miasmen basieren.

Dies schwächt die Stärke von Hahnemanns Beobachtungen oder verunsichert andererseits den Junghomöopathen bezüglich der Miasmen bereits in den Grundlagen, und dies kann deren homöopathische Fallbehandlung auf lange Sicht beeinträchtigen, da sie auf schwach begründeten Konzepten beruht.

Drittens. Hahnemann hat den Ausdruck des syphilitischen Miasmas nicht durch es selbst sondern auf primäre oder sekundäre oder latente Psora begründet (die immer in irgendeiner Form existierte). Es ist also logisch, dass der syphilitische Ausdruck ebenso aus einer sykotischen oder einer tuberkulinischen Basis abstammen könnte, je nach vererbter Diathese, Krankheitsentwicklung und Unterdrückung im Lebensverlauf des Individuums. Gibt es einen Grund, weshalb es nicht so sein sollte?
Dies ist die Basis für das Verständnis der Krankheitsentwicklung, so wie es das Dhawle's ICR interpretiert hat. Die Wichtigkeit dieser Interpretation liegt nicht in abstrakten Theorien, sondern in der Fähigkeit, diese Interpretation klinisch in der Behandlung ernster Erkrankungen anwenden zu können und diese basierend auf Herings Gesetz der Heilrichtung abzuwenden.

Schließlich. Weshalb entwickeln nicht alle HIV Positiven eindeutig AIDS? Warum entwickeln nur 30-50% der Leute, die Treponema pallidum während infektiösen Beischlafs ausgesetzt sind, eindeutig Syphilis?

Die Antwort gibt die Interpretation der Krankheitsentwicklung nach dem Dhawle's Symposium. Um eine Krankheit direkt entwickeln zu können (AIDS oder Syphilis), muss ein Individuum für diese zerstörerische Krankheit empfänglich sein, es muss ein miasmatischer Hintergrund vorhanden sein, der es erlaubt, dass diese Zerstörungen stattfinden können. Entweder eine starke syphilitische Diathese oder eine starke tuberkulinische Diathese würde es zulassen, dass ein Individuum symptomatischem AIDS oder Syphilis erliegt. Wenn dies so ist, dann muss das Similimum entweder ein überwiegend antisyphilitisches oder ein überwiegend antituberkulinisches Mittel zu Beginn der Behandlung sein, weil, wie Hahnemann genauestens ausgeführt hat, es das dominierende (miasmatische) Symptomenbild ist, das zuerst zu behandeln ist.

Zweite Edition: Oktober 2005

Dr. Leela D'Souza

www.homeopathy2health.com

Referenzen:

1. The Chronic Diseases, Samuel Hahnemann (Theoretical Part)
2. Organon of Medicine, Samuel Hahnemann
3. The Genius of Homeopathy, Stuart Close, MD
4. Dhawle's ICR Symposiums (Volume C), Mumbai
5. Theory of Suppression, Predictive Homeopathy Part I, Praful Vijaykar, LCEH
6. The End of Myasumtion of Miasms, Predictive Homeopathy Part III, Praful Vijaykar, LCEH
7. An Insight into Plants, Rajan Sankaran, LCEH
8. The Sensation in Homeopathy, Rajan Sankaran, LCE