Krise zwischen klassischen und zeitgenössischen Denkweisen in der Homöopathie

Krise zwischen klassischen und zeitgenössischen Denkweisen in der Homöopathie

Author: 
David Little

WAS IST KLASSISCHE HOMÖOPATHIE?

Mein Kollege, Dr. Manish Bhatia, hat mich gebeten, das Thema der traditionellen und modernen Methoden in der Homöopathie zu behandeln. Zuallererst einmal ist es wichtig festzulegen, was mit klassischen und modernen Methoden eigentlich gemeint ist. Die reine Bedeutung des Wortes "klassisch" bezieht sich auf eine gut etablierte Tradition mit einem anerkannten Stil oder Form, oder einer Reihe von Handlungen, die einem bekannten traditionellen Muster folgen. Klassisch bezieht sich auch auf die Zeit, als eine herausragende Tradition entstand, wie zum Beispiel das alte Griechenland oder das alte Rom. Der Ausdruck "klassisch" bedeutet auch etwas, das von höchster Qualität ist oder eine Tradition, die bestens etabliert ist. Es bedeutet auch etwas, das gepflegt und elegant ist, besonders einen traditionellen Stil, der Moden und Trends überdauert. Der Ausdruck modernen bedeutet etwas, das zur Gegenwart oder näheren Vergangenheit gehört und nicht alt oder altertümlich ist. Nicht-klassisch oder nicht-traditionell bezieht sich auf ein System, das zeitgenössisch ist und keine Wurzeln in einer Tradition hat, die für ihre Besonderheit anerkannt ist.

Wenn man die oben genannten Definitionen im Kopf behält, wird es augenscheinlich, dass der Ausdruck "klassische Homöopathie" sich auf die Philosophie der "Klassik" der homöopathischen Heilkunst bezieht und auf der Praxis jener Zeit begründet ist. Diese Klassik beginnt mit dem Organon der Heilkunst, den Chronischen Krankheiten und den Kleinen Schriften von Samuel Hahnemann. Alle Methoden, die ihren Ursprung in diesen Werken haben, können mit Sicherheit als "klassisch" im wahren Sinne des Wortes bezeichnet werden. Gleichzeitig bezieht sich der Ausdruck klassisch auf den Zeitraum der großen Renaissance, in der unsere revolutionäre Heilkunst entwickelt wurde. Dies war die Zeit von Samuel Hahnemann, Baron von Bönninghausen, Konstantin Hering, G.H.G. Jahr und der ersten Generation. Es sind diese Menschen, die die Philosophie entwickelt, die ersten Arzneimittelprüfungen aufgezeichnet, die ersten Materiae Medicae geschrieben, die ersten Repertorien erstellt und die ersten Experimente mit potenzierten Arzneimitteln durchgeführt haben.

Jedes etablierte klassische System wird mit gewissen Grundsätzen in Verbindung gebracht, die seine innersten Werte ausdrücken. Die vier grundlegenden Pfeiler der traditionellen Homöopathie sind: Ähnliches heilt Ähnliches, die Verschreibung des einzelnen Arzneimittels, die kleinstmögliche Gabe und die Anwendung potenzierter Arzneimittel. Diese grundlegenden Prinzipien werden auf verschiedene Weise angewendet, wodurch sie auf ein weites Feld klinischer Situationen zugeschnitten werden können. Das Prinzip der ähnlichen Arzneimittel war schon bei Hippokrates bekannt (ca. 560 v.C.), was zeigt, dass diese Methode bis zum klassischen Zeitalter der Griechen zurückreicht. Er verwandte jeweils nur eine minimale Dosis einer einzelnen Arznei, seine Enkel führten allerdings "hippokratische Mischungen" ein. Die Anwendung ähnlicher Arzneimittel war jedoch noch ziemlich gefährlich, wie zum Beispiel die Verwendung von rohem Helleborus bei Konvulsionen. Paracelsus (1493 bis 1541) verwandte einzelne Arzneimittel nach Ähnlichkeit, die durch die Alchemie umgewandelt worden waren, doch die innewohnende Giftigkeit vieler Arzneimittel blieb. Es war die Perfektionierung des potenzierten Arzneimittels durch Samuel Hahnemann, die den Gebrauch der ähnlichen Arzneien für die allgemeine medizinische Praxis eröffnete.

Die Verwendung eines einzelnen Arzneimittels ist von einigen modernen Homöopathen so interpretiert worden, dass nur ein einziges Arzneimittel während der gesamten Behandlung verwendet werden sollte. Dies war jedoch nicht Hahnemanns ursprüngliche Absicht, der sich die einzelne Mittelgabe auf die Verordnung eines einzelnen, nicht zusammengesetzten Arzneimittels zur Zeit bezog. Dies unterscheidet die Homöopathie von Systemen, die Mixturen verwenden, wie wir sie in der Polypharmazie finden. Die kleinstmögliche Gabe ist von manchen modernen Homöopathen interpretiert worden, als ob es um die geringe Menge der ursprünglichen Substanz ginge, die man in einem potenzierten Arzneimittel findet. Dies war jedoch nicht Hahnemanns ursprüngliche Intention, denn die kleinstmögliche Gabe bezieht sich auf die geringe Menge des Arzneimittels, das in den homöopathischen Pillen enthalten ist. Dies unterscheidet die Homöopathie von Systemen, die große Mengen von Arzneien pro Dosis verwenden. Das potenzierte Arzneimittel ist der letzte Schlüssel, der die Tür zur Materia Medica für jede Substanz öffnete, die sich in der mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt findet. Dies unterscheidet die Homöopathie von Systemen, die substanzielle Gaben und chemische Arzneimittel verwenden. Diese grundsätzlichen Prinzipien bringen ein Kontrollsystem und ein Gleichgewicht hervor, dass die Homöopathie zu einer sicheren und effektiven Heilkunst macht. Jede Schule, die sich an diese Hauptgrundsätze hält, basiert ihre Praxis auf der klassischen Homöopathie.

Hahnemann war der Meinung, dass die Informationen, die man über die medizinischen Substanzen zusammentrug, auf Symptomen beruhen müssten, die von lebenden Personen hervorgebracht wurden. Aus diesem Grund basiert er seine Materia Medica auf den Aufzeichnungen medizinischer Handlungen, die an Patienten in traditioneller medizinischer Behandlung vorgenommen wurden, auf Überdosierungen und Vergiftungen, Arzneimittelprüfungen an gesunden Freiwilligen und Symptome, die von Patienten in homöopathischer Behandlung hervorgebracht wurden. All diese Methoden werden in den Paragrafen des Organon erwähnt. Jede dieser Methoden hat eine Sache mit den anderen gemeinsam. Sie alle basieren auf Symptomen, die von lebenden Menschen hervorgebracht werden, anstatt sich auf Analysen zu stützen, die durch sekundäre Mittel hervorgebracht werden, wie zum Beispiel Chemie, Geschmack, Farbe oder die Signaturenlehre, etc. Dies ist die ethischste und akkurateste Methode von "Tierversuchen".

Durch meine Studien von Hahnemanns Veröffentlichungen, persönlichen Briefen und klinischen Fallberichten konnte ich die Methoden dokumentieren, die der Begründer bei seinen Patienten anwandte. Die Techniken, die Hahnemann in seinen Schriften präsentierte und in seiner Praxis anwandte, müssen mit Sicherheit als "klassisch" im wahren Sinne des Wortes bezeichnet werden. Dies beinhaltet ein weites Spektrum medizinischer Anwendungen, wie die Verwendung von Akutmitteln, akuten Zwischenmitteln, akuten Genius epidemicus Mitteln, chronischen Gestalt-Mitteln, chronischen Zwischenmitteln, chronischen anti-misamatischen Genius Mitteln und prophylaktischen Arzneien. Hahnemanns klinische Praxis beinhaltete den Gebrauch eines einzelnen Mittels, wo eine Arznei über einen längeren Zeitraum verwendet wurde; den abwechselnden Gebrauch von zwei Arzneimitteln; anderen Arzneien, bei denen eine einzelne Gabe oder wenige Gaben eines einzelnen Mittels vor einer Serie eines anderen Mittels gegeben wurden; Zwischenmittel, bei denen eine Arznei zwischen den Gabe eines anderen Mittels platziert wurde; Trios, in denen drei Arzneimittel rotierend gegeben wurden; und Serien von Arzneimitteln in Sequenzen über bestimmte Zeiträume. All diese Methoden müssen als "klassisch" angesehen werden, denn sie haben ihren Ursprung in der echten Klassik der Homöopathie, d. h. in den schriftlichen Werken und klinischen Methoden von Samuel Hahnemann. Dies eröffnet die Anwendung von Arzneimitteln weit über das hinaus, was manche als "klassische Homöopathie" ansehen.

Manche scheinen heutzutage eine sehr enge Definitionen von "klassischer Homöopathie" zu haben, die oft mit dem Ausdruck des "konstitutionellen Mittels" assoziiert wird. Dieser Ausdruck wird von den einen als das "eine Mittel für alle Situationen" definiert und von den anderen als das "eine Mittel für das ganze Leben". Ist diese Methode wirklich klassisch im wahren Sinne des Wortes, oder ist es ein modernes Konzept? Der Ausdruck konstitutionelles Mittel wurde von James Tyler Kent im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eingeführt. Kent wandte diesen Ausdruck auf eine ganz spezifische Art an, der nichts mit den vielen zeitgenössischen Verwendungen zu tun hat. So schreibt er zum Beispiel im Kapitel über Barium carbonicum in seinen Vorlesungen über die Materia Medica:

"Bar-c ist eine interessante Studie, denn es ist vollständig geprüft und ein konstitutionelles Arzneimittel. Solche Mittel sind immer interessanter, als die kurzzeitig wirkenden oberflächlichen Mittel. Sie greifen bei tiefsitzenden, langanhaltenden, miasmatischen Beschwerden."

Kent's Ausdruck des konstitutionellen Arzneimittels, wurde verwendet, um eine Unterscheidung zu machen zwischen den arzneilichen Kräften der chronischen Arzneien, die anti-miasmatische Eigenschaften hatten und den kürzer wirkenden akuten Mitteln. Dieses Konzept stimmt völlig mit Hahnemanns ursprünglichen Lehren von den akuten und chronischen Arzneien überein.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass Kents Ausdruck des konstitutionellen Arzneimittels in keinster Weise mit der Idee eines Mittels zu tun hat, das sowohl akute als auch chronische Zustände des Patienten behandeln soll. Kent glaubte nicht, dass man konstitutionelle Arzneien bei akuten Störungen verwenden sollte, in denen eine Krise eine aktive akute Schicht hervorrief, die chronische Zustände unterdrückte. Diese Lehre begründet auf dem, was Hahnemann in § 38 des Organon und an anderen Stellen schrieb. In seinen Vorlesungen über homöopathische Philosophie auf Seite 206 [des englischen Originals] schreibt Kent:

"dies illustriert die Doktrin, nicht für ein akutes und chronisches Leiden zusammen zu verschreiben. Man soll niemals für zwei Zustände verschreiben, es sei denn sie sind miteinander verkompliziert. Nur chronische Zustände können sich miteinander verkomplizieren. Das Akute verkompliziert sich niemals mit dem Chronischen; das Akute unterdrückt das Chronische und sie werden niemals zu einem Komplex."

Wenn Kent von einer Calcium-Konstitution in seinen Vorlesungen über die Materia Medica sprach, dann hatten diese Definitionen nichts mit einem bestimmten Genotyp wie zum Beispiel die klassischen griechischen Temperamente, des cholerischen, phlegmatischen, sanguinischen, und melancholischen Typus zu tun. Obwohl die erste Generation von Homöopathen wie Hahnemann, Hering und Jahr manchmal Hinweise auf die klassischen griechischen Temperamente gaben, hielt Kent nichts von solchen Bezeichnungen. Kent machte klar, dass ein "Calciumfall sich an den Symptomen erkennen lässt" und nicht ein konstitutioneller Körper-Geist-Typus ist. Der Gedanke, dass es ein Mittel für jeden Patienten für das ganze Leben gibt, ist eine andere, moderne Idee, die erst in den letzten 20 Jahren aufgekommen ist. Wie viele von uns können dokumentierte Fälle zeigen, in denen der Patient das gleiche Mittel von der Wiege bis zum Grab über einen Zeitraum von 75 Jahren erhalten hat? Nichtsdestotrotz ist der Gedanke, das am tiefsten wirkende Arzneimittel über einen langen Zeitraum und den unterschiedlichen Potenzen anzuwenden, nichts Neues. Man sollte immer so wenig Arzneimittel wie möglich verabreichen und nicht so viele wie man kann.

Wenn man das gesamte relevante Material durchsieht wird es offensichtlich, dass viele sogenannte "klassische Methoden" tatsächlich ziemlich modern, aber von traditionellen Methoden inspiriert sind. Die Tatsache, dass diese Weiterentwicklungen nicht direkt von Hahnemann oder Kent stammen bedeutet nicht, dass sie nur aus diesem Grund ungültig seien. Wir müssen für die Weiterentwicklung unserer Kunst offen sein, solange diese Innovationen die Hauptgrundsätze und Gleichgewichte beinhalten, die unser System sicher und effektiv machen. Ich habe Patienten gesehen, die über viele Jahre im gleichen grundsätzlichen Zustand eines bestimmten Arzneimittels waren. Es ist, als ob dieses eine Mittel so gut zu ihnen passt, dass es die tiefsten Tiefen ihrer Konstitution und ihres Temperaments abdeckt. Diese Fälle verlaufen jedoch im Allgemeinen recht gradlinig und werden nicht durch verschiedene abweichende Ursachen, Schichten unähnlicher Symptome und komplexe chronische Miasmen kompliziert.

Meiner Erfahrung nach unterscheiden sich die Myriaden verschiedener klinischer Situationen viel zu sehr, als dass man sie in ein therapeutisches Absolutum einordnen könnte. So kann beispielsweise ein chronischer Pulsatilla Patient akutartige Symptome wie zum Beispiel eine milde Absonderung aus den Ohren mit sehr wechselhaften Schmerzen entwickeln. Diese akutartige Krise mag nur eine Intensivierung der ähnlichen Symptome des chronischen Pulsatilla Zustands bei diesem besonderen Patienten sein. Daraus folgt, dass die akutartigen Symptome nicht stark genug sind, um den chronischen Zustand zu suspendieren und eine echte akute Krise hervorzurufen. Wenn die Krise so stark wird, dann erscheinen neue unähnliche Symptome, wie zum Beispiel Konvulsionen bei kaltem Körper und heißem Kopf, und der Patient wird ein akutes Arzneimittel wie Helleborus brauchen, welches ein akutes Komplementärmittel zu Pulsatilla ist. Dies sind klinische Situationen, in denen eine Differenzialdiagnose gebraucht wird und keine absolutistischen Theorien wie die Idee des einen Mittels für akute und chronische Zustände, unabhängig von den Symptomen, dem Zeitpunkt und den Umständen.

In manchen fortgeschrittenen chronischen Zuständen mit organischer Pathologie kann das chronische Arzneimittel sogar kontraindiziert sein, denn es kann verlängerte, fruchtlose Verschlimmerungen hervorrufen, die die Pathologie verschlechtern und den Patienten schwächen. Daher ist der Gedanke, dass akute und chronische Arzneimittel das gleiche sein können unter gewissen Umständen anwendbar, er sollte aber nicht als oberste Wahrheit angesehen werden, die bei allen Patienten zu jeder Zeit gültig ist. Es gibt Patienten, bei denen die organische Pathologie über die Jahre so weit fortgeschritten ist, dass das, was einmal ihr Konstitutionsmittel war, jetzt kontraindiziert ist. Aus diesem Grund sagte Kent in seinen Vorlesungen über die Materia Medica unter Kalium carbonicum folgendes:

"geben Sie nicht das konstitutionelle Arzneimittel, das diese Patienten vor 20 Jahren gebraucht hätten, denn es gibt nicht mehr ausreichend Reaktion[skraft] im Leben des Patienten, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen und er wird zerstört werden. Es scheint paradox das so zu sagen, aber ihn zu heilen würde bedeuten ihn zu töten. Der vitale Einfluss, der gebraucht wird, um seine Gesundheit wiederherzustellen, würde praktisch sein gesamtes System in Stücke reißen."

Als ich 1980 die Behandlung der Tuberkulose bei Dr. Isaac in Kerala, Indien, studierte, gab es einen Arzt im Krankenhaus, der glaubte an den exklusiven Gebrauch "konstitutioneller Arzneimittel", unabhängig von der Natur der Symptome oder der Pathologie. Er ignorierte die Warnungen, dass solche Methoden bei ernsthaften pathologischen Fällen, in denen lebenswichtige Organe betroffen sind, gefährlich sein könnten. Er gab einem fortgeschrittenen Tuberkulosepatienten Lycopodium und der Patient ging in eine Krisis, bekam eine Hämorrhagie und starb. Dieses ein perfektes Beispiel dafür, wann man NICHT das konstitutionelle Arzneimittel, das der Patient vor 20 Jahren gebraucht hätte, geben darf! Schwer erkrankte Patienten müssen häufig vorsichtig in Schichten behandelt werden, bei denen oberflächlicher wirkende Mittel gegeben werden, bis die organische Pathologie zurückgegangen ist und sie wieder mehr Lebenskraft haben. Diese schichtweise Behandlung ermöglicht es manchmal, ihnen das Konstitutionsmittel, das sie vor 20 Jahren gebraucht hätten, zu geben, um die Heilung zu vervollständigen. Man muss daher verstehen, wann es angemessen ist, tief wirkende chronische Mittel zu geben und wann es besser ist, den Patienten in Schichten Schritt für Schritt zu behandeln, bis sie einen Anschein von Gesundheit wieder erhalten. Diejenigen, die das eine konstitutionelle Mittel für alle Situationen im Leben lehren, sollten diese klinischen Realitäten mit in Betracht ziehen.

EINE FRAGE DES GLEICHGEWICHTS

Es gibt einige Behandler, die ultra klassisch sind und andere, die ultra modern sind. Auf der einen Seite möchten manche zu dem zurückkehren, was sie als das goldene Zeitalter der Homöopathie wahrnehmen und nur Methoden aus dem 19. Jahrhundert verwenden. Sie sehen sich selbst als die einzigen Menschen, die die reine Homöopathie anwenden und sprechen, als ob sie die einzig wahre Doktrin verkünden würden. Auf der anderen Seite gibt es die, die alles Alte verspotten und nur an die neuen Methoden der zeitgenössischen Lehrer halten. Diese Menschen haben das Gefühl, dass die traditionelle Materia Medica überholt ist und verlassen sich hauptsächlich auf moderne Essenzen. Manche erklären sogar ganz stolz, dass sie noch nicht einmal mehr ein Repertorium brauchen! Jemand hat einmal gesagt, das Organon zu lesen sei wie die aeronautischen Zeichnungen der Gebrüder Wright Flugzeuge zu studieren, wo wir doch in einem Zeitalter leben, indem wir bereits zum Mond geflogen sind! Offensichtlich muss es eine mittlere Sichtweise geben, die diese Extreme transzendiert und ein Gleichgewicht erreicht, das das klassische und zeitgenössische Gedankengut harmonisiert.

Einstein führte die Prinzipien der Nuklearphysik und die Relativitätstheorie zu einer Zeit ein, als eine Reise zum Mond fast unmöglich erschien, doch die Wahrheiten, die er erläuterte, halfen, es möglich zu machen. Gleichungen wie E=mc² sind heute noch genauso gültig, wie sie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren. Hahnemann ist der Einstein der Medizin, insofern, als die Wahrheiten, die er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts formulierte, heute noch genauso gültig sind, wie sie es zu seiner Zeit waren. Dies ist so, weil beide - Einstein und Hahnemann - universelle Prinzipien aufdeckten, die zu den Naturgesetzen gehören und neue Paradigmen in ihrem jeweiligen Feld einführten. Trotzdem muss jede Generation diese universellen Wahrheiten auf ihre respektiven Felder anwenden und sie ihrer Zeit anpassen. Auf diese Weise entwickeln sich die Anwendungen zeitloser Prinzipien.

Hahnemann ist das Alpha der Homöopathie, nicht dass Omega. Wenn man Hahnemanns deutsche und französische Krankenjournale studiert, dann sieht man wie die Homöopathie sich aus den Kinderschuhen in ihre Reife entwickelt. In den meisten seiner Fallberichte benutzte er nur ungefähr 60 Mittel und begab sich nur selten außerhalb seiner Top 100 Arzneimittel. Seine Repertorien begrenzen sich auf sein handgeschriebenes Symptomenlexikon, Jahrs Repertorium und Bönninghausens Repertorium der Antipsorischen Arzneien und dem Repertorium der nicht-antipsorischen Arzneien. Die meisten veröffentlichten Informationen begrenzen sich auf die 125 Mittel aus der Materia Medica Pura und den Chronischen Krankheiten. Der Begründer zeigt den Weg zur Medizin der Zukunft, aber viele schauen auf seinen Finger anstatt dahin, wohin er zeigt. Aus diesem Grund schrieb Hering 1845 folgendes:

"Es ist unser aller Pflicht, weiter in der Theorie und Praxis der Homöopathie zu gehen, als Hahnemann das getan hat. Wir müssen die Wahrheit suchen, die vor uns liegt und die Fehler der Vergangenheit aufgeben. Doch Wehe dem, der zu diesem Zweck den Autor unserer Doktrin persönlich angreifen sollte; er würde sich selbst mit Schande belasten. Hahnemann war ein großer weiser, Forscher und Entdecker; er war ein wahrhaftiger Mann, ohne Falschheit, freudig und offen wie ein Kind und von reiner Güte inspiriert und mit einem heiligen Eifer für die Wissenschaft."

The Chronic Diseases; S. Hahnemann (Herings Vorwort zur amerikanischen Ausgabe der Chronischen Krankheiten von 1845 übersetzt [ins Englische] von Hempel), Seite 9 [der engl. Ausgabe].

Es ist unser aller Verantwortung, die Wissenschaft der Homöopathie voranzubringen, in Harmonie mit den universellen Prinzipien, auf die sie sich gründet. Homöopathie ist nicht länger Homöopathie, wenn die zugrunde liegenden Prinzipien entfernt werden, genauso wenig wie die Nuklearphysik weiterhin Nuklearphysik sein kann, wenn Einsteins Gleichungen ignoriert werden. Energie und Masse werden umwandelbar sein, solange dieses Universum existiert, genauso wie das Ähnlichkeitsgesetz, das einzelne Mittel, die kleinstmögliche Gabe und das potenzierte Arzneimittel der Schlüssel zur homöopathischen Heilung sind. Wie diese Prinzipien in der Praxis umgesetzt werden, sollte sich mit jeder neuen Generation von Behandlern weiterentwickeln.

In unserer Zeit haben wir umfangreiche Computerrepertorien und Materiae Medicae mit ungefähr 500 gut geprüften Arzneimitteln und weiteren 500 über die wir zumindest einige verlässliche Informationen haben. Wir können hunderte von Büchern in wenigen Sekunden durchsuchen und Symptome aus verschiedenen Blickwinkeln analysieren. Die Homöopathie ist ins Zeitalter der Informationstechnologie eingetreten sowie des Internets, das es den Homöopathen ermöglicht, sich weltweit im Sekundenschnelle zu vernetzen. Die Homöopathie ist seit Hahnemanns Zeiten enorm gewachsen und er wäre von unserer Technologie erstaunt. Trotzdem ist die Vision der Heilkunst wie wir sie in der 4., 5. und 6. Auflage des Organon finden immer noch fortschrittlicher als jedes moderne Buch. Tatsächlich verwenden die heutigen modernen Homöopathen nur einen Bruchteil der ursprünglichen Grundsätze des Begründers der Homöopathie in ihrer Praxis. Es ist nun an der Zeit, all die verlorenen Lehren von Samuel Hahnemann wieder zu erlangen und unserer Zeit anzupassen.

SYSTEME VERSUS SYMPTOME

Es gibt viele Diskussionen über die drei Naturreiche in der zeitgenössischen Homöopathie. Wer war der erste Homöopath, der von mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welten sprach? Die Antwort ist Samuel Hahnemann in Die Chronischen Krankheiten.

"Im Allgemeinen fand es sich aus ihren reinen Symptomen, dass die meisten Erden, Kalien und Säuren, sowie die aus ihnen zusammengesetzten Neutralsalze nächst mehreren Metallen bei Heilung der fast unzähligen Psora-Symptome nicht entbehrt werden konnten. Auch die Ähnlichkeit des Haupt-Antipsorikums, des Schwefels, in seiner Natur mit Phosphor und anderen brennbaren Substanzen aus dem Gewächs- und Mineral-Reich leitete zur Anwendung der letzteren und einige animalische Substanzen schlossen sich analog in der Erfahrung an dieselben an."

Die Chronischen Krankheiten, Ihre besondere Natur und Ihre Homöopathische Heilung; S. Hahnemann (Theoretischer Teil), die Arzneien, Seite 248-249.

Im obigen Zitat erörtert Hahnemann die Elemente des Periodensystems und erklärt wie es möglich ist, sie "analog in der Erfahrung" zu verwenden, um verwandte Eigenschaften in Pflanzen- und Tiermitteln zu entdecken. Dies führte zu einem System, in dem die Symptome der Arzneimittel der drei Königreiche und ihre Familien verglichen werden können. Diese Methode wurde von Professor Dr, E. A. Farrington in seinen Vorlesungen am Hahnemann Medical College aufgegriffen, das von Hering gegründet worden war.

"Wir sind nun bereit, die unterschiedlichen Arzneien zu studieren, die die homöopathische Materia Medica ausmachen. Zu diesem Zweck habe ich die Arzneimittel in drei große Bereiche eingeteilt, entsprechend dem Naturreich, dem sie entstammen."

A Clinical Materia Medica, E. A. Farrington, Lecture I. page 14. [Deutscher Titel: Klinische Materia Medica – Vorlesungen zur Arzneimittellehre und Differenzialdiagnosen]

Hering war von Farringtons Kenntnis der Arzneimittel so beeindruckt, dass er sagte: " wenn ich gegangen sein werde muss Farrington meine Materia Medica beenden". Schon sehr früh bemerkte man, dass jedes der drei Königreiche seine charakteristischen Symptome hat. In seinen Vorlesungen erlaubt uns Dr. Farrington Einblicke in die Arzneimittel des Tierreichs zum Thema "Gewalt und Intensität". Der große Lehrer schrieb:

"Sie werden auch feststellen, dass diese tierischen Gifte das Gemüt beeinflussen können, insbesondere die Emotionen. Sie rufen die niedrigsten Qualitäten der menschlichen Natur hervor und produzieren einen wirklich schockierenden Zustand. Manche erwecken die schmierigsten Gelüste, den heftigsten Zorn und Leidenschaften verwandter Natur."

A Clinical Materia Medica, E. A. Farrington, Lecture I1, Animal Kingdom, page 25. [Deutscher Titel: Klinische Materia Medica – Vorlesungen zur Arzneimittellehre und Differenzialdiagnosen]

In Homöopathie und Minerale entwickelt Jan Scholten eine Serie von Themen für die Elemente des Periodensystems, das die Methode der Gruppenanalyse auf kreative Art und Weise nutzt. Nehmen wir folgendes Beispiel: Jans Essenzen für die Magnesium Gruppe sind Pazifismus, Aggression, Verlustangst und Schmerzen. Seine Essenzen für die Muriaticums sind Selbstmitleid, Pflege, Mutter, Zuwendung und Selbstbewusstsein. Durch die Kombination der Essenzen von Magnesium und muriaticum konnte Jan die folgenden essenziellen Themen für Magnesium muriaticum formulieren: Aggression führt zum Verlust der Versorgung durch die Mutter; Aggression ist nötig, um kraftvoll nach Versorgung zu verlangen. Andere Kombinationen könnten sein: Aggression, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder jede andere Kombinationen der Hauptkomponenten. Diese Themen basieren auf einer Synthese der Charakteristika, die sich in den beiden Elementen finden, die zu einem weiterentwickelten Bild des zusammengesetzten Mittels führen.

In Homöopathie und die Elemente erweitert Scholten seine Methode durch die Einführung einer Serie von Themen, die sich auf die Entwicklung der sieben waagerechten Perioden und 18 senkrechten Gruppen des Periodensystems beziehen. Durch diese Methode der Gruppenanalyse und dem synthetischen Ansatz hat er geprüften und ungeprüften Arzneimitteln bestimmte Symptome zugewiesen. Bitte lesen Sie die Originalveröffentlichungen, um Jans Methoden besser zu verstehen.

Synthetische Verschreibungen sind in der Homöopathie nichts Neues. So sagte z. B. Dr. Clarke: "Bar-i ist empirisch verwendet worden, besonders in Fällen von Drüsenvergrößerungen und neuem Wachstum, aufgrund der Indikationen, die von seinen zwei Elementen nahe liegen". Clarke zeigte auf, dass wenn man Barium und Jodum einigermaßen verstanden hat, es möglich sein muss, das Mittel Barium-iodatum zu verschreiben. Hering äußerte eine ähnliche Meinung über den Gebrauch von Arzneimitteln wie Calcium-arsenicosum. Weitere Hinweise finden sich über die gesamte homöopathische Literatur verteilt. Manche stellen jedoch die Ursprünge dieser Methode in Frage. Woher stammt die Idee der synthetischen Verschreibung eigentlich ursprünglich?

Die früheste Aufzeichnung des Versuchs einer synthetischen Verschreibung stammt aus dem Jahr 1843, als Samuel Hahnemann Robert Everest (Fallbericht DF-14, Seite 13) Cinnabaris (rotes Quecksilbersulfid) verschrieb, basierend auf der Kombination der Symptome von Quecksilber und Sulphur, wie sie sich in zwei Rubriken des Bönninghausen Repertoriums finden. Dies ist ein klares Beispiel dafür, seine Augen für die mögliche Kombination von Elementen offen zu halten, während man die Symptome des Patienten in unseren Referenzwerken analysiert. Dies bedeutet, dass die synthetische Methode von Anfang an einen Platz in der Homöopathie hatte!

Dr. Rajan Sankaran ist für seine Beiträge zur Homöopathie sehr bekannt. Diese beinhalten die zentrale Störung, zentrale Wahnideen, Kompensation, Traumdeutung, etc. Seine neueren Beiträge beinhalten Einsicht ins Pflanzenreich, Bd. 1 und 2 und Die Empfindung in der Homöopathie. Seine neuesten Werke führen uns zu einem neuen Ansatz in Bezug auf die Hauptbeschwerde des Patienten, der sich auf die "zentrale Empfindung" konzentriert, welche sich sowohl in den körperlichen Symptomen als auch im Gemüt findet. Durch die Generalisierung jeder Pflanzenfamilie präsentiert er uns das, was er für die wichtigen Empfindungen hält, die sich in der gesamten Familie finden. Gleichzeitig notiert er, welches Miasma das ähnlichste für jede Spezies der Familie ist, in Übereinstimmung mit der Sequenz von 10 Miasmen, die sich vom akuten bis zum syphilitischen Miasma erstrecken.

Auf dieser Basis hat Sankaran ein Raster der botanischen Arzneien entwickelt, das dem System ähnelt, welches Scholten für die mineralischen Arzneien entwickelt hat. Dieses Schema präsentiert die vitalen Empfindungen der Familien und Miasmen für jede einzelne Pflanze auf eine Art, die Querverweise erleichtert. Wenn man die vitale Empfindung mit dem entsprechenden Miasma kreuzt, kann man ein Pflanzenmittel für den Patienten finden. Dr. Sankaran wendet diese neue Methode der Fallaufnahme nun auch auf das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich an.

Die Methoden von Scholten und Sankaran werden von vielen als die Vorreiter der zeitgenössischen Homöopathie betrachtet. Trotzdem, wird der neue "systemische Ansatz" nicht von manchen auf so einseitige Weise verwendet, dass er die grundlegenden Prinzipien unserer Heilkunst umstürzt? Werden nicht ungeprüfte Mittel auf eine Art und Weise verwendet, der die Konsistenz des klassischen Standards fehlt? Wird die induktive Argumentation des Organon durch Methoden ersetzt, die hauptsächlich auf Spekulationen basieren? Hahnemann hatte das Gefühl, dass das Studium der Naturreiche Hinweise auf den potenziellen Gebrauch homöopathischer Arzneien geben konnte, aber er war der Meinung, dass Prüfungen und Symptome der behandelten Patienten für die Methode essenziell wichtig seien. In Versuch über ein neues Prinzip schrieb Hahnemann:

"ich bin weit entfernt, zu verkennen, wie viele wichtige Winke gleichwohl das natürliche System dem philosophischen Arzneimittellehrer geben kann, und der den Beruf fühlt, neue Arzneimittel aufzufinden, aber diese Winke helfen doch nur entweder schon bekannte Tatsachen bestätigen und kommentieren, oder sie vereinigen sich bei noch unversuchten Pflanzen erst zu hypothetischen Mutmaßungen, denen noch viel an einer Zuverlässigkeit sich nähernden Wahrscheinlichkeit abgeht".

Gesammelte Kleine Schriften; S. Hahnemann (Haug Verlag), Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, Seite 217.

Drs. Scholten und Sankaran sind sehr erfahrene klassische Homöopathen, aber ihre experimentellen Methoden werden von Studenten und Behandlern aufgegriffen, die noch neu in der Heilkunst sind. Diese Methode wird von Menschen angewandt, die die traditionellen Methoden noch nicht auf zufrieden stellende Art beherrschen. Sie wissen nicht, wie man ein Repertorium oder eine Materia Medica richtig verwendet. Sie verlassen sich hauptsächlich auf Flussdiagramme von Essenzen anstatt auf Rubriken aus unseren Referenzwerken. Andere glauben, eine Abkürzung zur "höchsten Methode" gefunden zu haben, und dass sie das Repertorisieren nicht mehr wirklich brauchen. Einige dieser Menschen können nicht einmal einen einfachen Calcium oder Arsenicum Fall erkennen, der ihnen direkt gegenübersteht, und doch versuchen sie ungeprüfte und weniger bekannte Mittel zu verwenden, nur aufgrund einer zweidimensionalen Tabelle auf Papier.

Viele Behandler haben nicht den Hintergrund, um verstehen zu können, wann diese experimentellen Methoden in die falsche Richtung führen. In manchen Fällen ist die Verwendung der neuen Methoden ein Trend oder eine Mode geworden, die sich zur Antithese des Ausdrucks "klassisch" entwickelt hat. Wenn der Gebrauch des systemischen Ansatzes durch die klassischen Methoden des Repertoriums und der Materia Medica unterstützt wird, dann können dabei sehr wertvolle Einsichten herauskommen. Wenn diese neuen Methoden die traditionellen Techniken ersetzen, dann fehlt ihnen die Stabilität und Konsistenz für die klassische Praxis. Die Wahrheit ist, dass ein gut aufgebauter systemischer Ansatz auf der Verallgemeinerung von Symptomen basiert und kein getrenntes System darstellt. Das Symptom und der systemische Ansatz sollten zusammen auf ausgewogene und praktische Weise verwendet werden.

DIE GESTALT DER KRANKHEIT

Die Homöopathie basiert auf der Gestalt-Philosophie, in der das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Dieses ganzheitliche Bewusstsein ist die Wurzel der Philosophie, die den Hintergrund von Samuel Hahnemanns Weltsicht darstellt. Es ist zum Beispiel unmöglich, ein Objekt im Raum mit nur einem Vektor zu lokalisieren. Man braucht mindestens drei Vektoren, um die Position eines Objekts leicht zielgenau aufzeigen zu können. Deshalb sagte Hering, dass wir mindestens drei gute, charakteristische Symptome brauchen, um ein Mittel zu finden. Das ist die Basis des Gedankens von Herings berühmten "dreibeinigem Stuhl".

Gibt es ein anderes Phänomen in der Natur, wo ein essenzieller Teil wichtiger ist, als das Ganze? Hat ein Atom nicht sowohl Elektronen, Neutronen und Protonen als auch Quarks? Bestehen die Elemente des Periodensystems nicht aus Atomen und Molekülen in unterschiedlichen Kombinationen? Ist ein Elektron wichtiger als ein Proton oder Neutron? Basiert das Universum nicht auf Schwerkraft, schwachen nuklearen Kräften, starken nuklearen Kräften und Elektromagnetismus, aber auch auf Zeit und Raum? Ist die Schwerkraft wichtiger als der Elektromagnetismus, oder sind starke nukleare Kräfte wichtiger als schwache nukleare Kräfte? Ist die Zeit wichtiger als der Raum?

Bestehen Pflanzen nicht aus mehreren Bestandteilen und nicht aus einer essenziellen Substanz? Können die Eigenschaften eines der Bestandteile sich völlig unabhängig von den anderen Bestandteilen verhalten? Ist es nicht offensichtlich, dass die Natur auf untereinander verflochtenen Synergien basiert, die zusammen ein Ganzes ergeben, und nicht eine "essenzielle Einheit", die man absolut nennen kann? Newtons Idee eines permanenten Atoms an der Basis jeder Energie ist vollkommen überholt! Die moderne Physik ist eine Gestaltwissenschaft, kein reduktionistisches Modell, in dem ein Faktor die Oberhand hat. Es gibt essenzielle Qualitäten, die zusammen ein Phänomen ergeben, aber es gibt keinen Faktor, der größer ist als das Ganze.

Man kann das transzendentelle Esse (gr. Wesen) nicht "sehen", aber man kann seiner Aktivitäten bewusst werden, durch sein Gestalt-Muster, welches sich als gesamtes Feld von Phänomenen manifestiert. Auf die gleiche Weise sind die Totalität der Zeichen, Zufälle und Symptome das "nach außen reflektierte Bild des inneren Wesens der Krankheit, das ist, des Leidens der Lebenskraft". Hahnemann machte dies im Organon und den chronischen Krankheiten deutlich. Deshalb sagte Hahnemann, dass ein einzelnes Symptom nicht mehr die Krankheit darstellt, als ein Fuß den ganzen Menschen. Eine Essenz, ein Thema oder eine Empfindung kann nicht alle potenziellen Spielarten des Ganzen immer und unter allen Umständen ausdrücken. Es ist nur eine Facette, die im Moment wichtig sein mag, aber es gibt immer noch andere Facetten, die zu anderen Zeiten genauso wichtig sind. Dies ist wahr, ob man nun einen bestimmten Patienten behandelt, oder die essenzielle Natur einer bestimmten Gruppe oder Spezies studiert.

Es ist ein Klischee geworden, Dinge zu sagen wie "in der Homöopathie ist es nicht wichtig zu wissen warum - man muss nur wissen was". Stimmt das wirklich? Das Wissen um Auslöser und die Beobachtung von Synchronizität und Umständen sind nicht wichtig? Kann die einzelne Frage "Was? Was? Was?" wirklich die anderen sechs essenziellen Fragen: "Wer? Wo? Warum? Was noch ? Wie? Wann?" ersetzen? Hahnemann lehrte uns, dass die Basis der Fallaufnahme in Causa, Miasmen, Zeichen, Zufällen und Symptomen des Körpers und der Seele mit ihren dazugehörigen Begleitumständen besteht. Er war der erste, der Lokalitäten, Empfindungen, Veränderungen und Begleitumstände als Führer bei der Mittelauswahl verwendete. Dann zeigte Bönninghausen auf, dass ein vollständiges Symptom sich aus diesen vier Segmenten zusammensetzt, weil sie zusammen eine vollständige Facette der Krankheit ergeben. Kann sich ein vollständiges Symptom nur aus der Hauptbeschwerde zusammensetzen? Kann ein vollständiger Fall nur aus einer Empfindung bestehen? Kann ein vollständiger Fall ohne Begleitumstände auskommen? Ich glaube wir wissen, was Hahnemann und Bönninghausen dazu zu sagen hätten!

Hahnemann lehrte uns, dass der emotionale Zustand so wichtig ist, dass er "oft das Zünglein an der Waage bei der Wahl des homöopathischen Mittels ist". Diese Aussage beinhaltet nicht, dass der emotionale Zustand "immer" das Zünglein an der Waage für die Mittelwahl ist. Das Wort "oft" in das Wort "immer" zu verwandeln ist ein Fehler der Nur-Gemüt-Schule. Ein Gemütssymptom kann das Zünglein an der Waage sein, aber trotzdem stellt es nicht den gesamten Fall dar. Es gibt in unserer relativen Welt nichts Absolutes. Ein ungewöhnliches "Gefühl als ob" kann genauso wichtig sein wie jedes andere Gemütssymptom und ein ungewöhnliches Gemütssymptom kann genauso wichtig sein wie jede Empfindung. Eine Veränderung in der Psyche, den Empfindungen oder den Funktionen kann je nach Zeit und Umständen gleich wichtig sein. Ich persönlich war nie der Meinung, dass ein herausragendes, ungewöhnliches, charakteristisches körperliches Symptom einem herausragenden, ungewöhnlichen, charakteristischen Gemütssymptom unterlegen sei. Ich beurteile den charakteristischen Wert eines Symptoms aufgrund seiner herausragenden, außergewöhnlichen, ausgefallenen und merkwürdigen Qualitäten und nicht danach, ob es der Ebene des Körpers, der Lebenskraft oder der Psyche entstammt.

Wenn sich das Bewusstsein verändert, verändert sich die Energie. Wenn sich die Energie verändert, dann verändert sich das Bewusstsein. Dies ist die Natur des Unbewussten, dem Reich der dynamischen Archetypen. Dies ist die Ebene der nichtlinearen Synchronismen, die eine tiefere symbolische Bedeutung haben. Dies ist die Ebene, die den Namen "Pulsatilla" mit den mythologischen "Tränen der Venus" auf eine Art und Weise verbindet, die man nicht logisch erklären kann! Gleichzeitig geben uns das Habitat und die Wachstumsbedingungen der "Windblume" ebenfalls Hinweise über das Mittel. Dieses archetypische Bewusstsein ist das große Geschenk des verstorbenen Dr. Whitmont, der ein jungianischer Psychiater und klassischer Homöopath war. Am Ende der Analyse sind die linearen Ursachen und die nichtlinearen Synchronismen ebenfalls komplementäre Gegensätze, die das Ganze bilden, das mehr ist, als die Summe seiner Teile. Das gesamte Material ist gleich wertvoll, je nach den Umständen und der Zeit.

Der Reduktionismus bewegt sich entgegengesetzt zur Gestaltphilosophie, auf der die Hahnemannsche Homöopathie basiert. Manche Menschen sind so darauf fixiert, Fälle mit ihren Schlüsselsymptomen und Flussdiagrammen auf eine mentale Essenz, Wahnidee, Empfindung und Miasma zu reduzieren, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Sie versuchen vorzeitig die Symptome einzugrenzen, bevor sie sie mittels Repertorium und Materia Medica eröffnet haben. Sie schauen nur auf zwei Vektoren (den horizontalen und den vertikalen) auf eine zweidimensionalen Tabelle, ohne diese Sichtweise mit dem "Tiefenvektor" zu verbinden, den uns das Repertorium und die Materia Medica bieten. Patienten, Krankheiten und Arzneimittel sind multidimensionale Phänomene, die nicht auf zwei Dimensionen auf dem Papier reduziert werden können.

Diejenigen, die glauben, das Repertorium sei nur "ein rechnerisches System" haben nicht verstanden, wie man das Repertorium richtig verwendet. Kein gut ausgebildeter Homöopath richtet sich nach den Zahlen! Ein gut ausgebildete Homöopath baut Bilder auf, indem er Symptomenkombinationen verwendet, die die größere Gestalt der Krankheit reflektieren, bis daraus ein Hologramm mit Höhe, Breite und Tiefe entsteht. Die Wahrheit ist, dass das Repertorium das beste Medium für künstlerische Kombinationen individueller Symptomensegmente darstellt, insofern, als die Sammlung ein multidimensionales Spiegelbild des Porträts der Krankheit darstellt.

Das Repertorium erlaubt uns auch, Facetten der größeren Gestalt-Muster zu sammeln, wie sie von den charakteristischen Symptomen dargestellt werden und sie zu Kombinationen zusammenzufassen, die vielleicht nie zuvor gesehen wurden und die vielleicht nie wieder gesehen werden. Das ist die Schönheit des offenen systemischen Blicks auf das Repertorium, den keine "System basierte Methode" ersetzen kann! Das Repertorium hat das Potenzial, Symptomensegmente in einer unvorstellbaren Anzahl von Kombinationen zu kombinieren, die das Potenzial des Arzneimittels darstellen, selbst wenn diese exakte Kombination sich nicht in der Materia Medica wieder findet. Hat man einmal so ein einzigartiges Bild erstellt, schaut man in der Materia Medica nach, um herauszufinden, welches Mittel das Potenzial hat, diese Symptome zu beseitigen. Das ist es, was Bönninghausen entdeckte, als er das Therapeutische Taschenbuch entwickelte. Seit dieser Zeit ist das Repertorium nicht länger nur ein einfacher Index für Symptome, die sich in der Materia Medica finden. Das Repertorium ist ein offenes Werkzeug, das eine maximale Anpassung einer fast unendlichem Anzahl von Symptomensegmenten erlaubt und dadurch die präziseste Individualisierung ermöglicht. Obwohl es nicht einfach ist, das Repertorium zu erlernen, so wird es uns, wenn wir es denn beherrschen, Informationen geben, die sich in keinem Essenz-basierten System mit seinen Tabellen finden.

Jeder Fall präsentiert sich selbst auf einzigartige Weise und bedarf einer entsprechenden Fallaufnahmemethode. Manche Patienten zeigen klare Ursachenrubriken, in Verbindung mit einem Nie-mehr-Gesund-seit Syndrom, das auf eine bestimmte Mittelgruppe hinweist. Andere Patienten präsentieren uns klare konstitutionelle Arzneimittelbilder, wie wir sie in der Materia Medica und ihren Kommentaren finden. Andere Patienten kommen mit klaren Schlüsselsymptomen, wie sie fast wörtlich in der Materia Medica stehen. Wieder andere bieten uns deutliche Gemütssymptome, die zu einem gut gewählten Mittel führen. Andere wiederum berichten von einer Hauptbeschwerde mit charakteristischen Besonderheiten wie Empfindungen und Modalitäten, wie wir sie nur bei wenigen Mitteln finden. Manche Patienten zeigen unlogische Begleitsymptome, die wenig mit der Hauptbeschwerde zu tun haben, uns aber direkt zum Heilmittel führen. Bei anderen müssen wir stückweise Fragmente von Symptomen sammeln, um vollständige Symptome zu erhalten, die uns zum Mittel führen. Wieder andere präsentieren uns eine große Empfindung, die sich in all ihren Symptomen zeigt und von den Begleitsymptomen bestätigt wird. In manchen Fällen können wir die Symptomenmethode anwenden, wohingegen in anderen eine systemische Verschreibung notwendig sein kann. Und in weiteren Fällen brauchen wir vielleicht eine Kombination aus diesen Methoden. In all diesen Fällen zeigt uns das essentielle Wesen der Totalität der Symptome die Bestätigungszeichen, die wir brauchen, um ein Simillimum zu verschreiben. Keine Methode der Fallaufnahme, kein Gemütssymptom und keine Empfindung können außerhalb des gesamten Felds an Symptomen stehen, durch das sich die Gestalt der Krankheit zeigt.

Ich unterstütze das Studium der Symptome der mineralischen, pflanzlichen und tierischen Familien und ihrer individuellen Arzneimittel. Die Inspiration zur Bearbeitung der Arzneimittelfamilien kam mir von Hahnemann, E.A. Farrington, H. Farrington, E. Whitmont und M.L. Dhawale in den frühen Zeiten meiner Laufbahn. Ich schätze auch die Beiträge moderner Forscher wie Dr. Scholten und Dr. Sankaran zu diesem Thema sehr. Wenn ich jedoch die "Essenzen" der Gruppenanalysen betrachte, dann sehe ich auch immer genau so wichtige Themen, die nicht aufgenommen wurden. Unsere Arzneimittel sind zu multidimensional, um sich auf eine simple Essenz reduzieren zu lassen, die das ganze Potential der Arznei zu jeder Zeit und unter allen Umständen darstellen soll.

Ich basiere meine Familienanalysen auf der Generalisierung ähnlicher Symptome in einer Familie und mache Querverweise zu Differentialsymptomen und Miasmen, die sich bei bestimmten Mitteln finden. Dann entwickele ich diese Daten durch Erfahrungswerte weiter, was Archetypen, Mythologisches, Arzneimittelquellen, Lebensraum etc. beinhalten kann. Ich betrachte die Symptome einer Familie immer aus verschiedenen Blickwinkeln, so dass ich ein Verständnis für die vielseitige Natur entwickele und den Reduktionismus vermeide, der zur Stereotypie führt. Ich rufe jeden, der sich für die Genius-Methode interessiert, auf, die Arzneimittelfamilien sorgfältig zu studieren und die Symptome selbst zu überprüfen, anstatt sich nur auf eine Person für all diese Informationen zu verlassen. Auf diese Weise wird das Feld der Symptome von einer Gruppe Kollegen erweitert und die Rubriken, die von vielen bestätigt werden, können als echte Charakteristika bestätigt werden.

TERMINOLOGIE

Ein weiteres Diskussionsfeld ist die Gültigkeit von Ausdrücken wie den "konstitutionellen Symptomen". Manche glauben, diese Worte wurden von James Kent eingeführt und haben nicht mit den Lehren Hahnemanns und der ersten Generation zu tun. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Tür zum Studium der konstitutionellen Symptome wurde vom Gründer in den Chronischen Krankheiten geöffnet. Als er über die Gonorrhoe schrieb, die von einem akuten Miasma ausgelöst wurde, sagte Hahnemann:

"Sie weichen entweder einer Gabe von einem Tropfen frischen Petersilien-Saftes (Petroselinum), wenn der öftere Harndrang seinen Gebrauch anzeigt, oder einer kleinen Gabe Hanfkraut-Saftes (cannabis sativa), der Canthariden (cantharis) oder des Kopahu-Balsams (Copaiva), je nach der verschiedenen Beschaffenheit und den übrigen Beschwerden dabei."

Die Chronischen Krankheiten (Theoretischer Teil), Seite 149, Barthel & Barthel Verlag.

In diesem Zitat spricht Hahnemann davon, Mittel aufgrund der Symptome in Übereinstimmung mit den unterschiedlichen Konstitutionen und ihren Begleitsymptomen zu verschreiben. G.H.G. Jahr, ein Schüler und enger Vertrauter Hahnemanns, baute diese Ansichten in seinem Buch "Die Lehren und Grundsätze der gesamten theoretischen und praktischen homöopathischen Heilkunst" aus, das er 1857 in Stuttgart veröffentlichte. Meine Aufmerksamkeit wurde von der englisch-deutschen Übersetzerin Gaby Rottler aus Deutschland auf dieses Werk geleitet. Sie hat einen wunderbaren Artikel mit dem Titel Constitution and Chronic Diseases - The Value of Constitutional Symptoms as seen by G. H. G. Jahr [auf www.curantur.de nur auf Englisch] geschrieben. Gaby weist in ihrem Überblick des Werkes darauf hin, dass Jahr der erste war, der den Ausdruck "konstitutionelles Symptom" detailliert verwandte und seine Rolle in der Homöopathie erklärte. In § 108 seines Buches schrieb Jahr:

§.108. In chronischen Krankheiten sind es die constitutionellen Nebensymptome, welche die charakteristischen Anzeigen für die Wahl des Mittels liefern"

Jahr sprach von pathognomonischen Symptomen der Krankheit und den konstitutionellen Begleitsymptomen des Individuums. Die pathognomonischen Symptome zeigen das Wesen des Krankheitszustands, wohingegen die konstitutionellen Symptome die Reaktionen des Patienten zeigen. Jahr empfiehlt in §106, dass das Arzneimittel aufgrund der "essentiellen oder pathognomonischen Zeichen" der Krankheit und der nicht-pathognomonischen Charakteristika der "individuellen Konstitution des kranken Menschen oder anderer zufälliger Zustände" ausgewählt werden soll. Diese Symptome werden nicht durch die Krankheit an sich hervorgerufen, da sie die Adaptation des Einzelnen an seinen oder ihren Zustand darstellen.

Nehmen wir zum Beispiel zehn Menschen mit "Arthritis". Sie haben Gelenkschmerzen, doch einem Patienten geht es schlechter im Sommer, einem anderen schlechter im Winter. Ein Patient ist eher fröstelig, wohingegen einem anderen immer zu warm ist. Ein Patient ist zornig und nachtragend, ein anderer traurig und apathisch, etc. Deshalb kann es sein, dass 10 Patienten mit Arthritis 10 unterschiedliche Mittel brauchen können. Jahr weist darauf hin, dass das beste Arzneimittel die "wesentlichsten konstitutionellen Symptome des Patienten" (Jahr, § 108 rückübersetzt aus dem Englischen) beinhalten wird. Er ging so weit zu sagen, dass die Symptome, die die Wahl des Mittels entscheiden, nicht in den pathognomonischen Zeichen der lokalen Beschwerde gesucht werden dürfen. Die entscheidenden Rubriken sind die "wesentlichen konstitutionellen Symptome", die sich jenseits der pathognomonischen Krankheitssymptome zeigen.

Manche sagen, dass die Homöoapthie den Patienten behandelt und nicht die Krankheit, wohingegen andere sagen, die Homöopathie behandle die Krankheit und nicht den Patienten. In § 153 des Organon steht, dass man nicht die allgemeinen Krankheitssymptome behandeln soll – sondern die auffallenden, seltenen und besonderen Symptome des Patienten. Was Hahnemann damit tatsächlich sagt ist, dass man auf die "auffallenden, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles" verschreibt und nicht auf die unbestimmten Symptome "die man fast bei jeder Krankheit sieht". Das bedeutet, dass die Symptome, die fast ALLEN Krankheiten eigen sind (Schmerz, Schwäche, Unbehaglichkeit, etc.) nicht so wichtig sind, wie die charakteristischen Symptome DES Krankheitsfalles, den man gerade untersucht. Es gibt keinen Hinweis auf den Patienten an sich.

James Kent wird oft vorgeworfen, vom Patienten und nicht von der Krankheit gesprochen zu haben, doch woher kommt diese Idee ursprünglich? Der Dichter Legouve bietet uns einen Einblick in Hahnemanns Lehren der Pariser Jahre. Dieses persönliche Zeugnis hilft uns, zu verstehen, wie es wohl bei Samuel Hahnemann zuging. Er lehrte seine Kollegen, dass der Name der Krankheit nur relativ ist, wohingegen das essentielle Wesen der Totalität der Symptome die wahre Gestalt der Krankheit ist. In seinem Brief zitiert der bekannte Dichter Hahnemann wie folgt:

"Zu anderer Zeit hörte ich ihn [Samuel Hahnemann] diesen Satz sagen, der so seltsam anmutet, wenn man ihn wörtlich nimmt, und doch solch eine Tiefe hat, wenn man ihn richtig versteht. 'Es gibt keine Krankheiten, es gibt nur Patienten'."

The Life and Letters of Dr. Samuel Hahnemann; T. L. Bradford, Seite 413. [Leben und Briefe von Dr. Samuel Hahnemann, anscheinend keine deutsche Ausgabe erhältlich]

Der erste, der vom Patienten sprach und nicht von der Krankheit war also Samuel Hahnemann! Diese Einsicht wurde von jeder Homöopathengeneration an die nächste weiter gegeben und wird es auch in Zukunft. Die orthodoxen Schulen studieren die Merkmale der Krankheiten und ignorieren die Individualität des Patienten. Die homöopathische Tradition erinnert uns daran, dass die Individualität jedes Patienten sehr wichtig ist. Jahr sagte, dass die pathognomonischen Symptome der Krankheit wesentlich seien, aber die konstitutionellen Symptome des Patienten wichtiger seien, um das Mittel zu finden. Sogar Herr Legouve verstand, dass Hahnemanns Aussage nicht wörtlich genommen werden darf, sondern einen metaphorischen Sinn hat, der Einsicht in den Patienten als Individuum gibt. Es gibt keine Krankheit ohne den Patienten und es gibt keinen Patienten ohne Krankheit. Daher sprechen Homöopathen von Patienten UND Krankheiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln, je nach der Situation.

WIE HOMÖOPATHISCHE MITTEL WIRKEN

In manchen Kreisen ist es sehr populär geworden zu sagen, dass die Lebenskraft keine Rolle in der homöopathischen Heilung spielt. Sie wehren sich gegen den Gedanken, dass das Mittel die Lebenskraft in irgendeiner Weise stimuliert. In anderen Kreisen gibt man der Rolle der Arznei nur wenig Bedeutung und schreibt das Meiste der Lebenskraft zu. Diese einseitigen Konzepte basieren jedoch nicht auf Hahnemanns Erklärung der Wirkungsweise homöopathischer Mittel. Samuel macht klar, dass Heilung durch das Zusammenspiel der Erstwirkung des ähnlichen Mittels und der Zweitwirkung bzw. Heilwirkung der Lebenskraft geschieht. Im Vorwort zur 6. Auflage des Organon betont der Gründer die Wichtigkeit der Zweitwirkung der Lebenskraft im Heilungsprozess. Er sagt ebenfalls, dass der Heilungsprozess umso schneller und sicherer stattfindet, je stärker die Lebenskraft ist. Deshalb, so sagt er uns, sollen wir nichts unternehmen, was die Lebenskraft und Vitalität gefährden könnte.

"Die Homöopathik weiß, dass Heilung nur durch Gegenwirkung der Lebenskraft gegen die eingenommene, richtige Arznei erfolgen kann, eine um desto gewissere und schnellere Heilung, je kräftiger noch beim Kranken seine Lebenskraft vorwaltet".

Organon der Heilkunst; S. Hahnemann (6. Auflage), Vorwort.

In ähnlicher Weise schrieb Hahnemann einen Brief An meine wahren Schüler, dass die homöopathische Heilung durch die Reserven der Lebenskraft erfolgt, die im menschlichen Organismus vorhanden sind. In diesem Zitat sagt er ganz klar, dass die Arznei die Lebenskraft zur dieser "hilfreichen Tätigkeit stimuliert"

"Einzig die Homöopathie weiß und lehrt, dass Heilung nur durch die gesamte Reserve der Lebenskraft, die noch im System vorhanden ist, erfolgt und die zu dieser hilfreichen Tätigkeit durch das korrekt gewählte homöopathische Arzneimittel in angemessener Gabe stimuliert wird.“

Samuel Hahnemann, Sein Leben und Werk, R. Haehl, Band II [rückübersetzt].

Das Zusammenspiel der ähnlichen Arznei und der Lebenskraft wird weiter in der Vorrede zur 5. und 6. Auflage des Organon erhellt. In diesen Werken präsentiert der Gründer eine detaillierte Erklärung der homöopathischen Heilung:

  1. Wahre Heilkunst ist jenes nachdenkliche Geschäft, was dem höheren Menschengeiste, der freien Überlegung und dem wählenden, nach Gründen entscheidenden Verstande obliegt.
  2. Er tut dies, um jene instinktartige (und verstand- und bewusstlose), aber automatisch energische Lebenskraft umzustimmen, wenn die Lebenskraft durch Krankheit zu innormaler Tätigkeit verstimmt wurde.
  3. Die Lebenskraft wird durch Arzneikrankheits-Affektionen umgestimmt, die durch eine homöopathisch ausgewählte Arznei hervorgerufen werden.
  4. Durch diese Arznei wird die Lebenskraft so arzneikrank (und zwar in einem etwas höheren Grade), dass die natürliche Krankheits-Affektion nicht mehr auf die Lebenskraft wirken kann .
  5. Auf diese Art entledigt sich die Lebenskraft der natürlichen Krankheit, einzig noch beschäftigt bleibend mit der so ähnlichen, etwas stärkeren Arzneikrankheit, gegen welche sie nun ihre ganze Energie richtet, die aber bald von ihr überwältigt wird.
  6. Hierdurch wird die Lebenskraft frei und fähig, wieder zur Norm der Gesundheit und zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückzukehren: der Belebung und Gesund-Erhaltung des Organismus.
  7. Dies geschieht, ohne bei dieser Umwandlung schmerzhafte oder schwächende Angriffe erlitten zu haben.

    Organon der Heilkunst; S. Hahnemann (6. Auflage, Narayana-Verlag), Einführung, Seite 37-38.


In der homöopathischen Heilung ersetzt also das stärkere temporäre Arzneimittel den Eindruck der natürlichen Krankheit auf die Lebenskraft. Das ist die Rolle der Erstwirkung eines homöopathischen Mittels unter Punkt 4. Dann sagt Hahnemann, dass "die Lebenskraft nun ihre ganze Energie" gegen die Arzneikrankheit richtet, "die sie bald überwältigt". Das ist die Zweit- oder Heilwirkung der Lebenskraft aus Punkt 5. Der Heilungsprozess findet ohne Säfte- oder Gewebsverlust statt, die sonst mit einer Krisis einhergehen. Hahnemann entwickelt den Gedanken zur Natur der Erst- und Nachwirkung in den Hauptparagraphen des Organon. Siehe § 64.

Wie man aus den folgenden Beispielen ersieht, scheint die Lebenskraft sich zu Beginn der Wirkung der Kunstkrankheitspotenz (Arznei) auf den gesunden Körper nur rezeptiv oder passiv zu verhalten und es scheint, als ob sie gezwungen werde, den Eindruck der künstlichen Potenz, der von außen eindringt, in sich geschehen zu lassen, wodurch ihre Beschaffenheit verändert wird.

Die Lebenskraft scheint sich dann in zwei Richtungen erholen zu können.

1.  Dieser in sich aufgenommenen Einwirkung (Erstwirkung) den gerade entgegengesetzten Befindens-Zustand (Gegenwirkung, Nachwirkung) in gleichem Grade hervorzubringen als die Einwirkung (Erstwirkung) auf sie war und zwar nach dem Maße ihrer eigenen Energie.

2.  Wo es einen der Erstwirkung gerade entgegengesetzten Zustand in der Natur nicht gibt, scheint sie sich zu bestreben, ihr Übergewicht geltend zu machen, durch Auslöschen der von außen (durch die Arznei) in ihr bewirkten Veränderung, an deren Stelle sie ihre Norm wieder einsetzt (Nachwirkung, Heilwirkung).

Organon der Heilkunst; S. Hahnemann (6. Auflage), § 64.

Eine chronische Krankheit bleibt lebenslang bestehen, da die Lebenskraft sie nicht beseitigen kann. Ein homöopathisches Mittel ersetzt die permanente natürliche Krankheit durch eine stärkere aber temporäre medizinische Krankheit, die die Lebenskraft ohne Schwierigkeiten auslöschen kann! Da die Arznei die natürliche Krankheit ersetzt, versucht die Lebenskraft "ihr Übergewicht geltend zu machen", indem sie die von "außen" herbeigeführte Verstimmung entfernt und so im Inneren die Homöostase wieder herstellt. Hahnemann nannte diesen Prozess die "Nachwirkung oder Heilwirkung".

In § 65 gibt Hahnemann Beispiele für die übermäßige Gegenreaktion der Lebenskraft, wie wir sie beobachten, wenn sie unpotenzierten Substanzen ausgesetzt ist. (§64 Punkt 1). In § 68 beschreibt er die homöopathische Heilung mit kleinen Gaben potenzierter Arzneimittel (§64 Punkt 2). Nach der Erstwirkung des Arzneimittels ist die natürliche Krankheit vollständig ersetzt worden, nur eine kurzlebige Arzneikrankheit ist noch übrig. Nun braucht die Lebenskraft gerade nur so viel Gegenreaktion aufzuwenden, wie nötig ist, um diese flüchtige Arzneikrankheit zu beseitigen und den Organismus wieder zu vollständiger Gesundheit herzustellen. Wenn dieser Prozess korrekt durchgeführt wird, gibt es keine übermäßigen Gegenreaktionen der Lebenskraft, wie wir sie bei großen Gaben unpotenzierter Arzneien beobachten.

Im Vorwort der Pariser Ausgabe der Chronischen Krankheiten, erläutert Hahnemann die Erstwirkung der Arznei und die Nachwirkung der Lebenskraft sehr detailliert. Dieses Modell erklärt die Rolle der Energie im Heilungsprozess und verdeutlicht, wie die Zweit- oder Heilwirkung schrittweise abläuft. Die Erklärung erlaubt auch einen Blick darauf, wie eine medizinische Lösung in fraktionierten Gaben (split dose) von aufsteigenden Potenzen den Organismus wieder zur Gesundheit führt.

Aber wenn wir Ärzte in der Lage sind, den krankmachenden Feinden der instinktartigen Lebenskraft entgegenzutreten, da sie durch die Wirkung der homöopathischen Arzneimittel gestärkt wird – selbst wenn die Erhöhung jedes Mal nur ein klein wenig ist – wenn wir auf diese Weise das Bild des krankmachenden Gegners vergrößern, bis die Lebenskraft ihn durch die homöopathischen Arzneimittel erfassen kann, was auf täuschende Art die ursprüngliche Krankheit simuliert, dann veranlassen und zwingen wir die instinktartige Lebenskraft, ihre Energie Schritt für Schritt zu erhöhen, und sie so weit zu erhöhen, bis sie stärker ist, als die ursprüngliche Krankheit.

Die natürliche Krankheit stört die Lebenskraft so sehr, dass sie das Selbst (Esse) nicht vom Anderen (der natürlichen Krankheit) unterscheiden kann und den Organismus mit schädigt. Wenn der Heilkünstler in der Lage ist, der Lebenskraft mit der Erstwirkung des Arzneimittels entgegen zu treten, dann wird die natürlich Krankheit durch eine stärkere aber temporäre Arzneikrankheit ersetzt. Deshalb muss man einem Patienten, der unter Enge und Kälte leidet, ein potenziertes Mittel geben, das sich durch Enge und Kälte auszeichnet. Auf diese Weise wird "das Bild" der natürlichen Krankheit " auf täuschende Weise vergrößert", bis die "Lebenskraft es erfassen kann". Die Erstwirkung des Arzneimittels ist eine Art Informationsaustausch, der der Lebenskraft erlaubt, die Krankheit als von sich getrennt wahrzunehmen. Dies ruft die Zweit- oder Heilwirkung der Lebenskraft hervor, um ihre "Energie schrittweise zu erhöhen" bis sie "stärker als die ursprüngliche Krankheit wird".

Eine Zunahme der Vitalität ist eines der Zeichen für ein gut gewähltes Mittel. Der Zustand von Enge und Kälte, der mit der Krankheit einhergeht, wird durch die Entspannung und Wärme eines gesunden Organismus mit wieder hergestellter Vitalität überwunden. Ist die Lebenskraft erst einmal völlig frei von natürlichen und arzneilichen Krankheiten, so belebt und erhält sie wieder den gesunden Organismus. Gibt man einem Patienten, der unter Enge und Kälte leidet ein Mittel, das entspannend und warm ist, so werden die Symptome zeitweise unterdrückt, doch die Gegenwirkung der Lebenskraft wird noch mehr Enge und Kälte hervorrufen. Gibt man diese unterdrückenden Arzneien weiter, so können sie eine Verschiebung der Symptome ins Innere zu wichtigeren Organen und Symptomen hervorrufen. Diese zentripetale Bewegung ist das Gegenteil zur zentrifugalen Bewegung des Heilungsgesetzes. Das ist die Essenz des Hahnemannschen Aktion-Reaktion-Modells und wie die Lebenskraft auf ähnliche und gegensätzliche Arzneimittel reagiert.

DOSIERUNG UND CASE MANAGEMENT

Es gibt Behandler, die geben ein einzelnes Mittel und warten, bis ein deutlicher Rückfall der Symptome auftritt und es gibt solche, die das Mittel in kurzen Intervallen ständig wiederholen. Die der ersten Gruppe finden, dass sie rein "klassisch homöopathisch" arbeiten, die aus der zweiten Gruppe, dass sie das tun, was Hahnemann am Ende seines Lebens tat. Die Wahrheit ist, dass Hahnemann die Abwarten und Beobachten Methode von der 1. bis zur 4. Auflage des Organon lehrte, in der 5. und 6. Auflage jedoch seine Dosierungen und sein Case Management änderte. Von 1833 bis 1843 lehrte Hahnemann, dass zu jeder Zeit der Behandlung, in der eine wahrnehmbare, progressive und auffällig deutliche Besserung stattfand, das Mittel nicht wiederholt werden soll, so lange dieser Zustand anhielt. In Fällen, in denen eine Einzelgabe nur eine langsam fortschreitende Besserung über einen Zeitraum von 100 Tagen oder mehr hervorruft, empfahl er, die Gabe in passenden Intervallen zu wiederholen, um die Heilung zu beschleunigen. Zur Wiederholung des Mittels empfahl Hahnemann, die Arznei aufzulösen und in geteilten (fraktionierten) Gaben zu verabreichen. Er nannte diese Methode den "mittleren Weg", da sie zwischen der Einzelgabe und der mechanischen Wiederholung steht. Auf gewisse Weise haben also beide Gruppen recht, und beide haben auch unrecht. Es geht nicht um die Entscheidung einer Einzelgabe gegenüber der Wiederholung von Arzneimitteln in bestimmten Abständen. Es geht darum zu wissen, wann man besser eine Einzelgabe gibt und abwartet und wann man handeln und das Mittel wiederholen muss, um die Heilung zu beschleunigen. Für solch fortgeschrittenen Methoden muss man in der Lage sein, eine Differentialanalyse des Fortschritts der Arznei zu machen.

Manche Menschen geben nur die trockene Gabe und manche nur die medizinische Lösung. In Wahrheit empfiehlt Hahnemann sogar in der 6. Auflage des Organon die trockene Gabe (§272) [er bezieht sich hier auf ein Kügelchen einer LM-Potenz, Anm. der Übers.], die orale medizinische Lösung (§246) und das Riechen (§248). Alle diese Methoden sind auf ihrem Niveau effektiv. Obwohl Hahnemann seine Vorliebe für die medizinische Lösung und die fraktionierten Gaben deutlich machte, verbot er die trockene Gabe doch nicht gänzlich. In meinen Recherchen der Pariser Krankenjournale habe ich nur einen Fall gefunden, in dem Hahnemann anscheinend eine trockene Gabe verabreichte. Dies zeigt, dass er auch in seinen letzten Lebensjahren die trockene Gabe nicht vollständig verworfen hatte, obwohl er der Meinung war, die flüssige Gabe erlaube dem Behandler viel mehr Optionen. Dies ist so, weil die flüssige Gabe vor der Einnahme verschüttelt werden kann, so dass der Patient niemals exakt die gleiche Potenz zweimal erhält. Die flüssige Gabe kann also auf vielfältige Art angepasst werden, was mit der trockenen Gabe einfach nicht möglich ist. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die trockene Gabe als Modell ungültig ist. Die Techniken der 4., 5. und 6. Auflage des Organon sind alle auf ihrem jeweiligen Niveau gültig und es ist am besten, die Methoden aller drei unterschiedlichen Auflagen zu verstehen.

Hahnemanns Aktion-Reaktion-Modell hat auch wichtige Auswirkungen auf die Bereiche der Dosierung und des Fallmanagements. Manche Menschen glauben, alles, was nach der Verabreichung eines homöopathischen Mittels geschieht, seil eine Reaktion der Lebenskraft. Deshalb denken sie "jede Reaktion ist eine gute Reaktion", als ob man nichts falsch machen könne. Dieses moderne Konzept stimmt jedoch nicht. Eine zu starke Erstwirkung des Arzneimittels verursacht unnötige Erstverschlimmerungen und eine zu starke Nachwirkung ruft antagonistische Gegenwirkungen der Lebenskraft hervor. Der Grund für diese übermäßigen Reaktionen liegt meist in Überempfindlichkeit und Überdosierung. Samuel Hahnemann arbeitete sein ganzes Leben lang daran, diese übermäßigen Reaktionen zu überwinden und die homöopathische Heilung so schnell, sanft und dauerhaft wie möglich zu machen. Um die Homöopathie auf sichere und effektive Weise zu praktizieren ist es wichtig, alle möglichen Antworten auf eine Arzneigabe zu kennen.

Es gibt fünf hauptsächliche Arzneimittelreaktionen, diese sind: sanfte Besserung, ähnliche Verschlimmerung, unähnliche Verschlimmerung, Nebenwirkungen (akkzessorische Symptome) und die natürliche Heilungskrise. Eine sanfte Besserung ist das Zeichen, das Dosis, Potenz, Mittel und Wiederholung (falls nötig) harmonisch sind. Eine ähnliche Verschlimmerung zeigt an, dass das Mittel richtig ist, dem Patienten aber eine zu große Gabe (zu viele Kügelchen) oder eine zu hohe Potenz gegen wurde, oder das Mittel unnötig wiederholt wurde. Eine unähnliche Verschlimmerung ruft neue und beschwerliche Symptome hervor, die nicht zur behandelten Krankheit gehören. Das ist das Zeichen für ein falsches Mittel. Nebenwirkungen oder akkzessorische Symptome sind medizinische Nebenwirkungen eines teilweise richtigen Mittels. In diesem Fall geht es dem Patienten in einem Bereich vielleicht besser, aber neue Symptome erscheinen in anderen Bereichen und verändern das natürliche Symptomenmuster aufgrund der Erstreaktion des Arzneimittels. Die ähnliche und unähnliche Verschlimmerung sowie die Nebenwirkungen werden durch die Erstwirkung des Arzneimittels hervorgerufen [und nicht durch eine Reaktion der Lebenskraft, Anm. d. Übers.].

Eine natürliche Heilungskrise ist die Bewegung der Symptome von innen nach außen, von oben nach unten und das Erscheinen alter Symptome in Übereinstimmung mit Hahnemanns Richtung der Heilung, allgemein Hering'sches Gesetz genannt. Eine natürliche Heilungskrise kann auch von einer gesteigerten Tätigkeit der Ausscheidungsorgane begleitet werden, z.B. Hautausschläge, Schweiße, reichlicher Urin oder Stuhlgang, etc. Diese Art von Ausscheidungssymptomen sollte schnell vorüber gehen und von deutlichem Wohlergehen und mehr Vitalität gefolgt werden. Wenn sie länger anhalten und stärker als die ursprünglichen Beschwerden werden, handelt es sich um eine ähnliche Verschlimmerung, aufgrund einer Überdosierung. Eine natürliche Heilungskrise wird von der Nach- oder Heilwirkung der Lebenskraft produziert. Übermäßige Gegenreaktionen der Lebenskraft sind überempfindliche Reaktionen auf Überdosierungen, bei denen der Patient fast "allergisch" auf das Mittel zu sein scheint und ein Durcheinander von gegensätzlichen und verwirrenden Symptomen entsteht.

Jeder Homöopath sollte sich dieses Aktion-Reaktion-Phänomens bewusst sein, aber die Wahrheit ist, dass dieser Bereich von vielen Lehrern übersehen wurde. Ich habe ständig mit Patienten zu tun, die starke Verschlimmerungen über teilweise Monate erfahren haben. Vielen dieser Patienten wurde gesagt, dies sei ein "gutes Zeichen", viele haben jedoch lange Zeit neue, beschwerliche Symptome. Selbst eine ähnliche Verschlimmerung, die durch das richtige Mittel, aber die falsche Dosierung hervorgerufen wurde, kann lang anhaltende Aktionen hervorrufen, die die Lebenskraft schwächen. Wenn die Erstreaktion zu stark und zu lang ist, zieht sie so viel Lebenskraft ab, dass keine oder nur eine geringe Heilwirkung mehr stattfindet. Der Patient kann "Prüfsymptome" entwickeln, die lebenslang bestehen bleiben können, wenn man nicht eingreift.  Jede dieser negativen Reaktionen braucht ein spezifisches Fallmanagement, das zeitnah eine Korrektur bewirkt. Wenn Sie dies alles nicht in ihrer Schule oder von Ihren Lehrern gelernt haben, dann ist es an der Zeit, dies durch ein Studium der klassischen Literatur zu tun. Es ist wichtig, Lehrer zu haben, die diese klinischen Realitäten wirklich verstehen.

Im Organon lehrt Hahnemann uns, dass die Empfindlichkeit eines Patienten auf einer Skala von 0 bis 1000 variieren kann (§281). Das bedeutet, dass die Potenzen, die einen Menschen von der Empfindlichkeit einer 1 noch nicht einmal berühren, bei einem Menschen der Überempfindlichkeit von 1000 schwere, lang anhaltende Verschlimmerungen auslösen werden. Gleichzeitig ist es wichtig, die Prädisposition der Konstitution zu erforschen, die Natur, die Phase und das Ausmaß der Krankheit sowie den Zustand der Lebenskraft und Vitalität. Weitere Begleitfaktoren sind Alter, Geschlecht und Umwelteinflüsse, die eine Rolle bei der Wahl der Potenz spielen können. Die Totalität dieser Faktoren muss berücksichtigt werden, wenn man das Verabreichungssystem, die Größe der Gabe, die Potenz und die Wiederholung des Mittels bestimmen will. Dies ist die Basis der traditionellen Methode, deren Ursprung bei Hahnemann liegt und die von Generationen klassischer Homöopathen weiter entwickelt wurde.

Heute gibt es Lehrer, die eine hierarchische Methode der Potenzwahl lehren, die auf dem Niveau der Symptome basiert. Potenzen wie die C6 werden für den Namen der Krankheit gegeben. Potenzen wie die C30 werden aufgrund der Fakten der Krankheit gegeben. Fälle mit emotionalem Hintergrund erhalten die C200 und Fälle, die auf Wahnideen aufbauen, die C1000. Basiert der Fall auf einer vitalen Empfindung bekommt der Patient die 10M. Zeigt der Fall den Level der Energie, gibt man dem Patienen die 50M, usw. In dieser hierarchischen Analyse werden die individuelle Sensibilität des Patienten, die Natur, die Stufe und das Ausmaß der Erkrankung nicht in Betracht gezogen. Diese Methode wird neuen Schülern der Homöopathie beigebracht, die wenig oder keine klinische Erfahrung mit den klassischen Methoden der Potenzwahl haben.

Es ist eine klinische Tatsache, dass viele der besonders überempfindlichen Patienten die sind, die unter emotionalen Problemen und unterschiedlichsten Wahnideen leiden. Sie sind so empfindsam, dass sie Emotionen zu stark empfinden und sich alles Mögliche vorstellen! Nur weil ein Patient mehrfach sagt "ich fühle", braucht er noch nicht unbedingt eine C200. Nur weil in dem Fall eine charakteristische Wahnidee vorkommt, muss man nicht gleich eine 1M geben. Selbst wenn sie auf eine große Empfindung stoßen, die alle Symptome miteinander zu verbinden scheint, müssen Sie deshalb nicht gleich die 10M geben. Was, wenn dieser Patient eine Empfindlichkeit von 1000 hat, eine fortgeschrittene Pathologie in lebenswichtigen Organen, eine destabilisierte Lebenskraft und gleichzeitig sehr schwach ist? Sollten wir solchen Patienten die höchsten Potenzen geben?

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die durch solche Methoden monatelange Verschlimmerungen ohne Besserung erlitten haben. Der wichtigste Faktor bei der Auswahl der Potenz ist die individuelle Sensibilität des Patienten, gefolgt von der Natur, der Stufe und dem Ausmaß der Krankheit und dem Zustand der Lebenskraft, etc. Die Hierarchie der Symptome mag ein Merkmal bei der Potenzwahl sein, aber eine solche Methode unabhängig von der Totalität der anderen Faktoren zur Potenzwahl zu verwenden ist unzureichend. Noch einmal, eine neue Methode mag Einsichten bringen, aber sie sollte nicht isoliert von den traditionellen Techniken verwendet werden, die die Basis darstellen und die Verschreibung sicher machen.

SCHLUSSWORT

Es ist in diesem Diskurs klar geworden, dass die klassische Homöopathie, wie sie von Samuel Hahnemann und der ersten Generation eingeführt wurde, die Grundlage vieler Techniken darstellt, die später entwickelt wurden. Die klinische Methode des Begründers der Homöopathie bestand aus einem System flexibler Antworten, die eine große Anzahl von Anwendungen einschloss, je nach Ursache, Symptomen, Zeit und Umständen. Der Gründer verwandte Einzelmittel über einen längeren Zeitraum, abwechselnde Mittel, Tandem-Mittel, Zwischenmittel und Serien von Arzneien sowie Akutmittel, chronische Mittel, anti miasmatische und prophylaktische Arzneien, wie es gerade nötig war. Deshalb liegt die Wurzel des Gebrauchs akuter, chronischer und präventiver Arzneien in der Arbeit von Samuel Hahnemann. Techniken wie Burnetts Leiter, in denen Serien von Arzneimitteln in komplizierten Fällen verwendet wurden, oder Kents Langzeitverabreichungen konstitutioneller (chronischer) Arzneimittel, sie alle entspringen der Arbeit von Samuel Hahnemann. Die Abwechslungen bei Bönninghausen und die chronischen Zwischenmittel von Hering wurzeln ebenfalls in Samuel Hahnemanns Werken. Die drei Naturreiche, die Elemente des Periodensystems und die synthetischen Verschreibungen sind ebenfalls Zweige der Hahnemannschen Arbeit. Da all diese Methoden den gleichen Grundsätzen folgen, aus der gleichen Familie stammen, warum gibt es dann nicht mehr Einigkeit in der homöopathischen Gemeinschaft?

Warum müssen die, die gern Konstitutionsmittel verwenden, die missbilligen, die Akutmittel verwenden? Warum müssen die, die ein Mittel über einen längeren Zeitraum verwenden, die kritisieren, die eine Mittelsequenz verwenden, wenn das nötig ist? Warum müssen die, die Heilmittel verwenden, die missbilligen, die präventive Arzneien verordnen? Warum sagen manche, die Homöopathie behandelt die Krankheit und nicht den Patienten und andere sagen die Homöopathie behandelt den Patienten und nicht die Krankheit, wo doch der Patient und die Krankheit eine funktionelle Einheit sind? Warum sagen manche, die Lebenskraft heilt und andere die Arzneimittel heilen, wenn Hahnemann uns doch gelehrt hat, dass es das Zusammenspiel der Erstwirkung der Arznei und der Zweit- oder Heilwirkung der Lebenskraft ist, das heilt? Warum bestehen manche auf einem einseitigen Monismus und andere proklamieren einen rigiden Dualismus, wenn das Eine und die Vielen doch eine Einheit bilden? Warum behandeln manche immer den ganzen Menschen, während andere in Schichten behandeln, wenn beide Methoden nützlich sind, je nach Zeit und Umständen? Warum gibt es all diese einseitigen Gegensätzlichkeiten?

Warum sagen manche, wir sollten nur niedrige Potenzen verwenden und andere, wir sollten nur Hochpotenzen geben, wo doch Hahnemann von niedrig bis hoch alles abhängig von der Empfindsamkeit des Patienten und der Natur der Krankheit verwendet hat? Warum sagen manche, die C-Potenz sei die beste und andere halten die LM-Potenz für überlegen, wenn Hahnemann doch beide in seinen letzten Lebensjahren verwandte? Warum geben manche nur eine Einzelgabe und andere nur Serien, wenn Hahnemann uns lehrte, wann die rechte Zeit für eine Einzelgabe ist und wann das Mittel wiederholt werden muss, um die Heilung zu beschleunigen? Warum benutzen manche nur alte Methoden und manche nur neue, wenn eine Kombination aus beidem doch der beste Weg nach vorn ist? Warum nehmen die Menschen immer eine ganze Wahrheit, brechen sie in zwei Hälften und kehren die eine Seite gegen die andere?

Wenn man die echten "Klassiker" erforscht, findet man die Quellen der besten unserer neuen Methoden. Diese Ideen sind zu vielen Schulen geworden und haben doch alle ihre Basis in der klassischen Periode der Homöopathie. Das Wissen der Quelle ist verloren gegangen, denn wir haben unsere Wurzeln verloren. Wir haben uns zu sehr auf Informationen aus zweiter Hand verlassen, anstatt den wahren Ursprung zu suchen. Wir haben der Meinung populärer Lehrer gelauscht, ohne selbst zu denken. Wir haben unser Wissen als selbstverständlich betrachtet, ohne die richtigen Fragen zu stellen. Wir sind Trends und Moden gefolgt und haben die altbewährten traditionellen Techniken ignoriert. Warum wollen so viele Menschen das klassische System verändern, das sie gar nicht erst wirklich erlernt haben?

Es ist mein innigster Rat, dass jeder das Organon, die Chronischen Krankheiten und die Gesammelten kleinen Schriften sorgfältig lesen sollte. Gleichzeitig empfiehlt sich ein Studium der Geschichte der Homöopathie und all der Augenzeugen und veröffentlichten Briefe. Bauen sie die solidesten Fundamente auf den Werken von Hahnemann, Bönninhausen, Hering, Jahr, T.F. Allen, H.C. Allen, Kent, Boger, Whitmont und anderen. Lernen Sie, das Repertorium und die Materia Medica gut anzuwenden und studieren Sie täglich die Charakteristika der meistgeprüften Mittel. Gründen Sie Ihr homöopathisches Haus auf dem Felsen der klassischen Tradition anstatt auf dem Treibsand der Mode, so dass Ihre Praxis nicht zusammen bricht, wenn die Stürme und der Regen der klinischen Realität wehen! Wenn man die klassischen und zeitgenössischen Methoden miteinander in Harmonie bringt, hat man eine solide Basis, von der aus man nach den Sternen greifen kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Ich habe mir die Zeit genommen, diese eher lange Rede zu schreiben, denn die Homöopathie liegt mir wirklich am Herzen. Ich halte mich nicht für einen fortschrittlichen Meister oder einen fortgeschrittenen Behandler. Ich bin nur ein gut ausgebildeter Homöopath in der Hahnemannschen Tradition und der nachfolgenden Generationen. Im Laufe der Jahre habe ich mehr aus meinen Fehlern gelernt, als aus meinen Erfolgen, während ich nach der schnellsten, sanftesten und dauerhaftesten Heilmethode suchte. Es waren meine schlecht laufenden Fälle, die mich dazu brachten, die verschiedenen Auflagen des Organon in der Tiefe zu studieren und tief in der klassischen Periode zu schürfen. Auf diesem fruchtbaren Grund, fand ich die Antworten, nach denen ich gesucht hatte und seit über einem Viertel Jahrhundert habe ich mein Bestes getan, diese Methoden unserer Zeit angemessen zu präsentieren. Bei Hahnemann fand ich die Wahrheiten, die alle homöopathischen Schulen vereinen. Deshalb habe ich ein 6-bändges 4000 Seiten starkes Buch geschrieben, das ich das Homöopathische Kompendium nenne und das in nicht all zu ferner Zukunft gedruckt werden wird. Jetzt, wo der September meines Lebens kommt, schaue ich auf die nächste Generation, denn sie wird die Flamme der Heilung weiter tragen. In meinem Herzen weiß ich, dass die Medizin der Zukunft in ihren Händen sicher sein wird und die klassische Homöopathie nie verloren gehen wird.

Similia Minimus

Mit freundlichem Gruß

David Little