Homöopathie und Klassifizierung

Homöopathie und Klassifizierung

Author: 
Jan Scholten

Es gibt eine wachsende Tendenz in der Homöopathie, Arzneimittelfamilien zu studieren. Dies steht im Gegensatz zur Vergangenheit, als meist Einzelmittel studiert wurden, oft ohne Kenntnisse der Herkunft der Arznei. Manche Homöopathen zweifeln daran, ob das Studium der Familien gerechtfertigt ist. In diesem Kapitel werde ich zeigen, dass es nicht nur gerechtfertigt, sondern eine notwendige Entwicklung ist.

Klassifizierungen sind in der Homöopathie bereits sehr alt, obwohl sie noch nicht so gut durchdacht sind. Es gibt sogar einen Widerstand gegen Klassifizierungen, weil man glaubt, das sei "Theoretisieren". Die erste Klassifizierung stammt von Hahnemann, mit den Klassen von Psora, Sykosis und Syphilis.

Familien

Es gibt viele Arten von Familien. Die ersten und offensichtlichsten sind die "natürlichen" Familien, wie sie in der Chemie und Biologie entwickelt wurden. Obwohl die meisten Wissenschaftler sie als "natürlich" und bedeutungsvoll empfinden, gibt es doch einige Wissenschaftler, die denken, dass jede Zusammenfassung von Pflanzen genauso gut ist wie eine andere. Die folgenden Beispiele werden zeigen, dass botanische und zoologische Familien mehr sind als eine zufällige Zusammenfassung.

Beispiel Solanaceen

Ein gutes Beispiel ist die Familie der Nachtschattengewächse, der Solanaceen. Es ist ein gutes Beispiel, weil wir eine ganze Menge Mitglieder dieser Familie in der Homöopathie gut kennen. Diese Mitglieder sind Belladonna, Hyoscyamus, Stramonium, Mandragora, Dulcamara und Capsicum. Wenn wir uns die Bilder der Pflanzen und ihre Blüten anschauen, sind die Ähnlichkeiten bereits offensichtlich. Eine detailliertere botanische Studie der Formen und Strukturen macht die Ähnlichkeiten noch klarer. Das ist der Grund, warum Linnaeus sie in der Vergangenheit zu einer Familie zusammenfasste. Ursprünglich wurden die Familien aufgrund der Form der Pflanzen und ihrer Blüten zusammengefasst. Später zeigten chemische Analysen der Pflanzenbestandteile, dass viele Familien typische Moleküle enthalten. Bei den Solanaceen findet man typische Alkaloide, wie z. B. Atropin, Hyoscin und Scopolamin. Eine weitere Gruppe typischer Chemikalien sind die Solanine. Neuere Erforschungen der Pflanzen-DNA haben gezeigt, dass Pflanzen der gleichen Familie auch DNA Sequenzen enthalten, die typisch für diese Familie sind. Vergiftungen mit Pflanzen aus der Familie der Solanaceen haben sehr typische Symptome. Viele von ihnen sind der Ausdruck von Lähmung des parasympathischen Systems und werden als "Kampf oder Flucht" Reaktion ausgedrückt. Der Organismus ist vollständig alarmiert, bereit zu sofortiger Aktion. Die Symptome sind Anspannung, erhöhter Herzschlag, schnelle Atmung, weit offene Augen und Pupillen, stark geschärfte Sinne, angespannte Muskeln. Alle Entspannung ist verloren, die Verdauung ist unterbrochen und der Blutfluss geht zu den Taten ausführenden Organen.

Die Mitglieder der Familie der Solanaceen haben also Ähnlichkeiten in der Form, chemischen Zusammensetzung, DNA, Vergiftung und Arzneimittelbild.

Beispiel Benzodiazepine

Ein anderes Beispiel entstammt dem pharmazeutischen Feld. Wenn man die Benzodiazepine vergleicht, ist es klar, dass sie sehr ähnliche chemische Strukturen haben. Und sie haben ähnliche pharmazeutische Effekte: Entspannung, Angst, Förderung des Schlafs. Schauen Sie sich die folgenden Beispiele an.

Abbildung 1

Beispiel Phenithelamine

Shulgin hat eine Menge Forschungen an Phenithelaminen durchgeführt. Er hat darüber in “PIHKAL” geschrieben, eine Abkürzung von “Phenethylamines I Have Known And Loved” [Phenithelamine, die ich kannte und liebte. Anm.d.Ü.]. Er hat 79 von ihnen synthetisiert und an sich selbst und einer Gruppe von "Prüfern" ausprobiert. Die Mehrheit von ihnen haben halluzinogene oder Bewusstseins erweiternde Qualitäten und sind gesetzlich verboten. Die bekanntesten aus dieser Gruppe sind Amphetamine, Ecstasy und Mescalin, welches der aktive chemische Bestandteil des "homöopathischen" Anhalonium ist. Die chemische Struktur der Phenithelamine ist sehr ähnlich und so sind auch ihre Wirkungen. Es ist eigenartig, dass die Ergebnisse der Prüfungen so häufig unser homöopathisches Wissen bestätigen. “2CB (4-bromo-2,5-dimethyoxyphenethylamin)” hat ein Bromium Atom und sehr erotische und leidenschaftliche Eigenschaften. “2CI (4-iodo-2,5-dimethyoxyphenethylamin” hat ein Jod Atom und produziert einen sehr energiegeladen Zustand. “2CT7 (2,5-dimethoxy-4-propylthiophenethylamin” hat ein Sulphur Atom und hat die Besonderheit, dass es zum Theoretisieren und heißen Füßen und Beinen führt.

Siehe Abbildung 2.

Andere Beispiele

Es ist sehr leicht, viele Beispiele zu finden. Viele pharmazeutische Gruppen sind ähnlich: Penizilline, Kortikosteroide, Östrogene, proprionische Säurederivate (Beispiel: Ibuprofen) und Antihistaminika zum Beispiel. Es ist allgemein üblich in der pharmazeutischen Industrie, eine ähnliche Substanz zu der eines Mitbewerbers zu finden, damit man in dem entsprechenden pharmazeutischen Feld mithalten kann, die sogenannte "ich auch" Strategie.

In der Chemie haben viele Gruppe ähnliche Effekte: Halogene, alkalische Metalle, Edelgase, Serien und Stadien des Periodensystems. Die Lanthanide haben alle starke elektrische und magnetische Eigenschaften. Die lanthaniden Kupferoxide sind sehr gute Supraleiter bei hohen Temperaturen. Auch in der Biologie gibt es viele Beispiele: die Lamiaceen haben alle ähnlich angenehme Gerüche. Bäume sind alle aus "Holz". Katzen haben Krallen und fressen Fleisch.

Perfinität

Hinter alledem liegt ein Prinzip. Das Prinzip ist, dass die Ähnlichkeiten in einem Feld oder einer Dimensionen auf eine Ähnlichkeit in einem anderen Feld hinweist. Ähnliche Substanzen werden ähnliche Effekte produzieren. Ich habe dieses Prinzip "Perfinität" genannt, weil ich in unserer Sprache kein gutes Wort finden konnte. Das am nächsten liegende wäre Affinität, aber das bedeutet "verwandt". Perfinität bedeutet, dass ähnliche Substanzen ähnliche Qualitäten haben werden, dass sich die Ähnlichkeit in einem Feld "durch" das Arbeiten in einem anderen Feld hindurch auswirkt. In der Homöopathie kann man dies ausdrücken als "ähnliche Arzneimittel werden ähnliche Arzneimittelbilder haben". Es ist ein Prinzip, das man überall findet, in der Wissenschaft, Industrie und in der Natur.

Signaturen

Die Schlussfolgerung ist, dass Ähnlichkeiten in der Pflanzenform zu Ähnlichkeiten im homöopathischen Bild führen. Das ist eine der Ausdrucksformen des Perfinitätsprinzips. Aber das ist die Signaturenlehre. Jetzt haben wir ein Problem, im Sinne, dass Hahnemann eine solche Möglichkeit stark verneint hat (z. B. Organon § 2) und es immer noch eine Diskussion in der homöopathischen Literatur darüber gibt (Appell, Habich, Morrison, Saine, Wichmann). Wie wir im obigen Beispiel sehen, haben ähnliche Pflanzen ähnliche chemische Zusammensetzungen und ähnliche Wirkungen.

Vielleicht hatte Hahnemann eine Aversion gegen solche Dinge wie die "Signatur", weil er eine Abneigung gegen Spekulationen hatte. Und die Signaturenlehre ist oft spekulativ benutzt worden, als "ad hoc" Erklärung. Sie wurde oft verwendet, wenn es dem Autor passte und wenn nicht, wurde sie nicht erwähnt. Zum Beispiel ist Pulsatilla nachgiebig, "weil" es eine Windblume ist, die sich von jedem Wind wiegen lässt. Aber niemand hat je geprüft, ob alle Blumen, die sich im Wind wiegen, nachgiebig sind.

Der systematische Ansatz der Perfinitätslehre ist etwas anderes. In dem man die Beziehungen systematisch erforscht, werden sie zur Wissenschaft. Ich glaube, dass Hahnemann nichts gegen einen solchen Ansatz gehabt hätte. Nebenbei gesagt ist es unmöglich zu beweisen, dass die Perfinität oder die Signatur als eine ihrer Formen nicht existieren. Man kann nur beweisen, dass bestimmte ihrer Formen nicht wahr sind. Es ist genauso, als wollte man versuchen, die Physik zu widerlegen. Auch wenn einige Formen der Physik unwahr sind, heißt es doch nicht, dass es Formen gibt, die wahr sind. Im Englischen drücken wir das so aus: “failure of proof isn't proof of failure” [in etwa: "ein fehlender Beweis in kein Beweis eines Fehlers", Anm.d.Ü.]

Klassifizierung

Das Problem mit der Perfinität und der Signaturenlehre ist, dass sie oft Reaktionen hervorrufen, die nicht wissenschaftlich sind, die "esoterisch" und unsinnig sind. Und es gibt Ähnlichkeiten mit Sprüchen aus der Vergangenheit wie z. B. "wie oben so unten". Aber wir finden Sie auch in den modernen Formen der Wissenschaft, wie der Pharmakologie. Man findet sie in Fraktalen, in der Chaostheorie, in der Wiederholung von Mustern auf verschiedenen Ebenen. Die Klassifizierung an sich basiert auf dem Prinzip der Perfinität. Klassen sind nur dann nützlich, wenn die Ähnlichkeiten in einer Klasse über einen einzelnen Aspekt hinausgehen.

Familienbilder

Das oben dargelegte bedeutet, dass man Familienbilder entwickeln kann. Das Familienbild ist ein Bild, das allen Mitgliedern der Familie gemeinsam ist. Natürlich ist dieses Familienbild allgemeiner als das individuelle Bild jedes Mitglieds. Die Bilder jedes einzelnen Mitglieds können dann als Spezialisierung innerhalb des allgemeinen Familienbilds angesehen werden. Ein Beispiel, um dies klar zu machen. Das Familienbild der Goldserie hat als Thema Führung und Verantwortung. Aurum hat als Mitglied der Goldserie das gleiche Bild, aber mit der "Spezialisierung" des Erhaltens, was nicht im allgemeineren Familienbild enthalten ist. Familienbilder erleichtern die Fallanalyse. Zuerst entscheidet man sich für eine Familie und dann differenziert man zwischen den Familienmitgliedern. Es ist ein schrittweises Fokussieren.

Tiefe

Es ist möglich, jede Art von Gruppe herzustellen, die man möchte. Aber je oberflächlicher die Ähnlichkeit zwischen den Gruppenmitgliedern ist, desto weniger Ähnlichkeit werden wir in den Arzneimittelbildern finden. Dem Prinzip ist es möglich, die Gruppe der Pflanzen mit gelben Blüten zu erforschen. Aber die Tatsache, gelbe Blüten zu haben, ist eine oberflächliche. Die meisten Pflanzen mit gelben Blüten werden nicht viele weitere übereinstimmende Qualitäten haben. Pflanzenzüchter können "leicht" die Farbe der Blüten verändern, wie wir es zum Beispiel von den vielen Varianten von Rosen oder Tulpen mit unterschiedlichen Farben kennen. Das gleiche lässt sich über Pflanzen sagen, die sich im Wind wiegen. Gruppen wie Bäume oder Wüstenpflanzen haben auch familientypische Qualitäten, im Sinne von gemeinsamen Eigenschaften, aber diese sind nicht so grundlegend wie botanische oder zoologische Familien. Die wesentlichsten Gruppen sind die Familien, die in den Naturwissenschaften, der Chemie, der Botanik und der Zoologie entwickelt wurden.

Schlussfolgerung

Die Schlussfolgerung ist, dass Arzneimittelfamilien studiert werden können, und dass darin große Vorteile liegen. Deshalb haben das so viele Homöopathen getan. Hahnemann tat es, indem er die drei Arzneimittelgruppen Psora, Sykosis und Syphilis erstellte (Die Chronischen Krankheiten). Farrington schrieb seine "Vergleichende Materia Medica". Teste erstellte seine Gruppen. Vithoulkas erörterte die Aspekte der Kaliums. Sankaran erforschte die Pflanzenfamilien ganz ausführlich. Der Ansatz, der in "Homöopathie und Minerale" und "Homöopathie und die Elemente" präsentiert wurde, führte sehr erfolgreich zur Vorhersage vieler Arzneimittelbilder.

Literatur

Appell R., Jeder verlasst Hahnemann auf seine Weise, Allgemeine Homöopathische Zeitung, 200, 248.
Habich K., Kösters C., Rohwer J., Magie oder Wissenschaft, Allgemeine Homöopathische Zeitung, 200, 248.
Farrington E.A., Comparative Materia Medica, 984, New Delhi.
Hahnemann S., Organon, 985, New Delhi.
Hahnemann S., Chronic Diseases, 985, New Delhi.
Informatorium medicamentorum, 2000, Den Haag.
Morrison R., Against Divisiveness, Homeopathy Today, 200, 2 : 2 -22.
Saine A., Homeopathy versus speculative medicine- a call to action, Simillimum, 200, 6: 4-5.
Saine A., Drawing a line in the sand: Homeopathy or not Homeopathy, American Journal of Homeopathic medicine, 2002, 95:69-88.
Saine A., Homöopathy oder nicht Homöopathy: wo ziehen wir die Trennlinie, Allgemeine Homöopathische Zeitung, 200 , 248.
Sankaran R., An insight into plants, 2002, Bombay.
Scholten J., Homeopathy and Minerals, Utrecht, 996, ISBN 90-748 -70 -7.
Scholten J., Homeopathy and the Elements, Utrecht, 996, ISBN 90-748 -705-X.
Scholten Jan, Families and Perfinity, Homeopathic Links, 2004.
Shulgin A., PIHKAL, 99, Berkeley.
Wichmann J., Homöopathy – Wissenschaft und Magie, Allgemeine Homöopathische Zeitung, 200, 248.